Einige wichtige Anmerkungen zur Berichterstattung
über Yushu und das Erdbeben in
manchen deutschen Medien

Yushu als ein bedeutendes tibetisches Siedlungsgebiet innerhalb der Provinz Qinghai war noch bis vor wenigen Jahrzehnten nicht nur unzugänglich, sondern auch vielen Tibetexperten ein weißer Fleck auf der Landkarte. Inhaltsreiche Informationen über Yushu, die über die üblichen Tibet-Klischees hinausgehen oder gar auf empirischen Untersuchungen beruhen, sind  bislang nur wenig in westlichen Sprachen publiziert: Wer sich wirklich informieren will, kommt nicht ohne englischsprachige Texte aus. 
Einige grundlegende Daten beispielsweise zu Größe, Bevölkerung und Flächenausdehnung finden sich in den deutschen und englischen Artikeln der Wikipedia.
Der Name Yushu bezeichnet dreierlei: 
eine Stadt, einen Kreis und einen Bezirk (Distrikt)


 

Abgeleitet von einer alten tibetischen Bezeichnung für tibetische Bevölkerungsgruppen im Norden Khams (yul shul) bezeichnet Yushu (yus 'hru'u)
1. die heutige sog. "Tibetan autonomous prefecture Yushu", zu deutsch Tibetischer autonomer Bezirk Yushu (yus 'hru'u). Dabei handelt es sich um einen Distrikt, der in seiner Ausdehnung in etwa der Gesamtfläche der Schweiz zusammen mit Österreich und Ungarn entspricht und dabei insgesamt weniger Einwohner hat als die Stadt Zürich.

2. einen der sechs Kreise des oben genannten Bezirks, den Kreis Yushu (Yushu xian). Ansässig sind in diesem ca. 13.500 qkm großen Kreis (also etwas größer als die beiden Mittelmeerinseln Korsika und Mallorca zusammen) knapp 100.000 Menschen, der größte Teil von ihnen Tibeter (89.500 im Jahr 2005). 

3. die Stadt Jiegu, Gyêgu, abgeleitet von tibet. skye dgu mdo (Kyegu Do; Jyekundo), was der Name des alten tibetischen Handelsorts ist, aus der sich die Stadt entwickelt hat. Da hier die Verwaltung sowohl des Bezirks als auch des Kreises ihren Sitz haben, wird die Stadt von vielen häufig ebenfalls Yushu genannt. Aufgrund von Händlern und Migranten (Tibeter, Han-Chinesen, Hui-Muslime u.a.), die noch in ihren Heimatgemeinden registriert sind, ist die exakte de facto Bevölkerungszahl der Stadt vor dem Erdbeben schwer zu ermessen. Sie dürfte bei statistisch ca. 40.000 Einwohnern tatsächlich bei 50.000 bis 70.000 Bewohnern gelegen haben [Schätzung beruht auf in den Jahren 2004 bis 2010 gemachten Feldforschungen]. Von Letzteren sind insbesondere im Winterhalbjahr viele nicht anwesend.

Die Unkenntnis der Größe von und der Verhältnisse in Yushu verhindert häufig  leider nicht, dass abweichende Zahlen politisch interpretiert werden statt sie der eigenen Unkenntnis zuzurechnen.

So vermelden manche Tibet-Foren wie z.B. das Kailash-Institut (Freiburg): 
"Quellen aus der betroffenen Region zufolge liegen diese Angaben weit unter den tatsächlichen Opferzahlen. Allein im Kloster Kyegudo, das nur eines von hunderten in der Präfektur ist, sollen über 1000 Leichen geborgen und verbrannt worden sein. Die Zahlen aus mehreren Quellen der betroffenen Region lassen auf über 10000 Tote schließen." (21. April 2010)
Aus gut informierten Quellen (und auch fast jede größere Tageszeitung hat dies berichtet) dagegen wird deutlich, dass es sich bei den im Kloster Kyegudo verbrannten Toten um jene handelt, die aus den Trümmern der Stadt ausgegraben wurden. Das Kloster ist nicht so stark zerstört worden, und da in Anbetracht der großen Zahl von Toten die ortsübliche Himmelsbestattung wegen Seuchengefahr nicht möglich ist, lässt man die Verbrennungen wenigstens in der Obhut der Mönche im Kloster vornehmen. (Das Kloster selbst hätte im Übrigen ja nicht einmal halb so viele Insassen gehabt.) Die abschließend genannte Zahl von möglichen Toten hingegen nicht nur reine Spekulation, da u.E. auf Hörensagen von dritter Seite besteht, und somit der Sache - den Betroffenen vor Ort helfen zu wollen - nicht im Mindesten dienlich. 

Wir fragen uns, warum es manchen nötig erscheint, den lobenswerten Spendenaufruf mit solchen politisch motivierten Spekulationen zu vermengen?

Siehe hierzu auch den Kommentar von Astrid Zimmermann: "Traurig, traurig, traurig... Anmerkungen zur Berichterstattung von Tibet-Foren zum Erdbeben in Yushu, insbesondere zum Text des Spendenaufrufs des Kailash-Hauses in Freiburg

Dies wird gelegentlich dadurch verschärft, das ohne empirische Belege Rückschlüsse von anderen Orten gemacht und diese mit gängigen Tibet-Klischees vermengt werden. Wer wenig weiß, der spekuliert...
(Kommentar zu Teilen des Spiegel-Online-Artikelvon Andreas Lorenz, 16.4.2010)
"Der Bericht von Lorenz, der sich in seinen Fakten auf Meldungen von Presseagenturen oder des chinesischen Staatsfernsehen stützt, hat das Bedürfnis, sich durch Eigenes hervorzuheben. Wo es kein eigenes Wissen gibt, verfällt er in die üblichen Spekulationen, die sich aus einer kruden Mischung aus Halbwissen, das sich aus offiziösen Seiten aus China und den üblichen westlichen Vorstellungen, was Tibeter denken und tun (sollen), speist. So werden als Erklärungsmodell für die eingestürzten Häuser die sog. Sojabohnenquark-Bauten des Bebens in Sichuan 2008 bemüht und in gleichmacherischer Analogie auf Qinghai und - da Yushu zu Qinghai gehört – auf diese abgelegene Nomadenregion übertragen ......"
......hier weiterlesen
"Die mangelnde Ortskenntnis fällt dem Kenner an mehreren Stellen des Artikels ins Auge. Folgendes sei exemplarisch aufgeführt. Während die westliche Presse gegenüber offiziösen chinesischen Berichten sonst so kritisch ist, werden „passende“ Zahlen unhinterfragt wiedergegeben. So wiederholt Lorenz unkritisch ......"
......hier weiterlesen
yushuandreas (A. Gruschke)
Von dritter Seite, insbesondere aus dem Umfeld der einen oder anderen exiltibetischen Support Groups, werden Informationen verbreitet, die sich nach dem Motto "Ein Tibeter hat uns berichtet..." auf nicht genannte Quellen beziehen. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, die Hilfsmaßnahmen für die Überlebenden zu stützen, werden sie dazu benutzt,  mittels Spekulationen über vermeintlich falsche Opferzahlen in Yushu auch dieses Unglück für politische Diskussionen zu missbrauchen. Das ist nicht hilfreich, dafür jedoch im höchsten Maße Menschen verachtend.
[Vgl. hierzu den Kommentar von Astrid Zimmermann zum Spiegel-Online-Artikel vom 16.4.2010]
Wir halten es für äußerst wichtig, uns auf Informationen von neutraler Seite zu stützen – also Organisationen, deren Anliegen sich darauf konzentriert, Hilfe zu leisten anstatt einer politischen Agenda zu folgen und sich bei ihren Mitteilungen daher weder an chinesischer Regierungs- oder exiltibetischer Propaganda (die es nun einmal hier wie dort gibt) orientieren.

Für solch zuverlässige Quellen halten wir die internationale NGO Plateau Perspectives und das Konsortium von sechs tibetischen Graswurzelorganisationen aus Yushu, deren Bitten um Spenden wir hier unterstützen.
 
 


 
 
 

See the recent work report of the YER relief coalition here

 

 
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Kommentar von Astrid Zimmermann zum Spiegel-Online-Artikel "China nach dem Beben. Wir hoffen auf ein Wunder" vom 16.4.2010

"Beim Lesen des Artikels von Herrn Lorenz und einem Teil der Leserbriefe dazu, schwankte ich zwischen Zorn, Wut und Erschütterung.
Hier wird das Leiden vieler Menschen wieder einmal zur Plattform für politische Statements und für eine für mich schier unerträgliche Selbstgerechtigkeit. Herr Lorenz kennt sich augenscheinlich in der Region Yushu überhaupt nicht aus und greift in Ermangelung wirklicher Informationen auf Halbwissen und Ereignisse aus dem Wenchuan Erdbeben von 2008 zurück. Damit erreicht er gewollt oder ungewollt, dass Leser wie MarcellodT wieder einmal in ihren Vorurteilen bestätigt werden und sich in ihrer selbstgerechte Betroffenheitsretorik ergehen. Freund- und Feindbilder sind dabei eindeutig, denn man vermeint ja bereits alles zu wissen, wieso sollte man sich also die Mühe machen, genau hin zu schauen. Die von der Katastrophe betroffenen Menschen bleiben dabei außen vor und werden zu Statisten in einem ideologischen Grabenkampf. Es ist fast schon reflexartig. Tibet gleich ethnische Probleme. Auch in dem Artikel von Herrn Lorenz wird eine tragische Katastrophe zu einem ethnischen Konflikt degradiert. Nicht mehr das Leid der Menschen, sondern dass, was der Autor als politisch-ethnisches Problem zu erkennen glaubt, steht im Mittelpunkt. Das ist auf eine Art auch schon menschenverachtend und wird den Menschen dort, Tibetern, Muslimen und Chinesen nicht gerecht.
Im Laufe der letzten Jahre habe ich viele Monate in Yushu verbracht und habe die Region lieben gelernt. Ein Grund dafür ist das entspannte und gut funktionierende Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Wer eben nie dort war kann das nicht wissen. Es wird kein Mitgefühl in dem Artikel von Herrn Lorenz geäußert oder gar zu Hilfe oder Spenden aufgerufen, wie es sonst gerne gemacht wird. Mit dieser Art von oberflächlicher und reißerischer Berichterstattung schadet der Autor den Menschen in Yushu."

Astrid Zimmermann (Freiburg) 
Vgl. auch die Forum-Beiträge dazu:  Spiegel-Online-Forumbeiträge zum Lorenz-Artikel
Forum Spiegel-Online-Artikel , Zit. #4: "Wie bei allen weitreichenden Ereignissen, werden unabhängige Journalisten nicht in die Region vorgelassen, Hilfsorganisationen dürfen aktuell nicht in die Region. Bewohner der Region dürfen diese nicht verlassen. Es soll nichts nach aussen dringen. Aus Berichten von Tibetern vor Ort erfährt man, dass die Armee (im Gegensatz zu offiziellen Statements) zT in erster Linie in den Regierungsgebäuden und den von Chinesen besiedelten Teilen des Gebietes im Einsatz ist. Die Opferzahlen sind nach unten korrigiert etcpp."
"Ich stehe in telefonischem und Email-Kontakt mit Freunden und Kollegen, die in Yushu leben und arbeiten, z.T. erhalte ich Infos aus Yushu direkt, z.T. über Xining. Zu oben zitiertem Text möchte ich daher anmerken:
1. ist es nicht richtig, dass Hilfsorganisationen nicht in die Region dürfen. Es mag allerdings richtig sein, dass solche, die keine Verbindung in die Region haben und die Verhältnisse nicht kennen, dort nicht aktiv sind.
2. ist es nicht richtig, dass ......"
......hier weiterlesen
(Erwiderung: Andreas Gruschke, Freiburg)
Email einer Wisenschaftlerin aus Xining [22.04.2010 15:13]:

"... Hotelplätze werden rar, da die ganzen Helfer irgendwo untergebracht werden müssen und die Straßen sind verstopft mit Hilfstransporten.
Gestern um zehn Uhr fand eine Schweigeminute statt, während der die ganze Zeit über die Alarmsirenen heulten. Alle, wirklich alle Leute hielten auf der Straße inne. Ich sage dir, ich hätte fast mit den Sirenen mitgeweint. Mir stellten sich ungelogen die Haare im Nacken auf.
Überall wehen Spendenaufrufe und Solidaritätsbekundungen. ..."

Janka Linke (Xining) 
Kommentar von Astrid Zimmermann: 

Traurig, traurig, traurig... 
Anmerkungen zur Berichterstattung von Tibet-Foren zum Erdbeben in Yushu,

insbesondere zum Text des Spendenaufrufs des Kailash-Hauses in Freiburg
[kompletter Text hier]
 
Wieder einmal stellt sich mir hier die Frage, wem soll hier eigentlich geholfen werden.....den vermeintlichen Gutmenschen oder den Opfern der Katastrophe?
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Nicht einmal angesichts unendlichen Leides sind einige wohlmeinende Unterstützergruppen in der Lage, über den eigenen Schatten zu springen, die tief verinnerlichten ideologischen Überzeugungen über Bord zu werfen und einfach nur zu helfen.
Ein Beispiel dafür ist das Tibet Kailash Haus in Freiburg, das auf seiner Homepage einen Spendenaufruf gestartet hat. Auch dessen Text zeigt leider, dass sich der Verfasser einseitig informiert hat und ihm nicht an den realen Zuständen im Katastrophengebiet gelegen ist. (...*)
Die Quelle des Autors (des Kailash Haus-Spendenaufrufes) scheint ebenfalls nicht auf dem neuesten Stand über Jyekundo zu sein und der Verfasser hat ganz offensichtlich gar nicht erst versucht, andere Informationen einzusehen. Dies zeigt sich eindeutig darin, dass er schreibt, dass der nächste Flugplatz 500 Meilen weit entfernt ist. Seit letztem Jahr gibt es einen Flugplatz ganz in der Nähe der Stadt, nur 25 Kilometer von Jyekundo entfernt. Das Internet ist voll von Berichten, in denen erzählt wird, wie Hilfsgüter eingeflogen und Verletzte ausgeflogen werden. 
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     Zitat (Kailash Haus):
“Es fehlt an der notwendigen Ausrüstung für eine Katastrophe diesen Ausmaßes, 
jede angebotene Hilfe aus dem Ausland lehnt China kategorisch ab.“
Ich kann nur noch einmal empfehlen auf die Informationsseiten von 
zu gehen. Dort könnte der Verfasser lesen, wie die Hilfsmaßnahmen vonstatten gehen, mit Wasseraufbereitungsanlagen, Medikamentenlieferungen, Zelten. Nahrungsmittel, dem Angebot von freien Telefongesprächen für die Betroffenen usw ....
Und er würde auch Bilder sehen von Ausländern, die dort helfen .... und erfahren wie Gelder aus dem Ausland direkt von den NGOs vor Ort gesammelt werden. Es sind vor Ort zahlreiche Organisationen tätig, die im Ausland registriert sind, aber eben vor Ort lokal vertreten und gemanagt werden. Auf der Help-Seite von Yushu Earthquake Relief hätte der Verantwortliche des Kailash Hauses sogar erfahren können, dass die Behörden sogar um Hilfe gebeten hatten:
The Yushu Prefecture government has requested aid from Plateau Perspectives in the form of medical personnel and medical supplies.”  (Zit. Yushu Earthquake Relief)
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     Zitat (Kailash Haus):
„Verschiedene Hilfsorganisationen, die in den betroffenen Regionen tätig sind, haben Spendenaufrufe gestartet, um dringend notwendige Soforthilfe für die Betroffenen zu leisten. Auch das TKH hat ein Spendenkonto speziell für die Erdbebenkatastrophe eingerichtet und bittet Sie um Unterstützung. Jeder eingehende Betrag wird komplett für humanitäre Soforthilfe in der betroffenen Region weitergeleitet.“
Die Frage, die sich nun stellt, ist: Wenn, wie der Verfasser des Kailash-Haus-Textes nur wenige Zeilen zuvor behauptet, die chinesische Regierung Hilfe aus dem Ausland ablehnen würde, wie will er dann die von ihm eingesammelten Spendengelder dorthin hinbringen? 
Und warum gibt der Verfasser den Spendenwilligen nicht gleich die Konten der vor Ort arbeitenden NGOs bekannt, sondern sammelt das Geld hier in seinem Kailash Haus in ... ...
*)...Lesen Sie den kompletten Text auf der Kommentarseite 1

 
 
 
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