Buchbesprechungen (3)

zum Themengebiet Tibet/ Himalaya


 
 

Übersicht
 In Tibets "wildem Westen"
 
 Hans Weihreter: Westhimalaya. Am Rande der bewohnbaren Erde.
 
 
 Franz Binder: Kailash. Reise zum Berg der Götter
   
 Grünfelder, Alice (Hg.): Himalaya. Menschen und Mythen
Reviews of Amdo books

In Tibets wildem Westen


 

Hans Weihreter: Westhimalaya. Am Rande der bewohnbaren Erde. Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 2001, 272 S., mit 252 Farb- und 71 Schwarzweißfotos, Karte, 69,- Euro

Waren Tibet und der hohe Himalaya einst die abgelegene Region per se, hat der Tourismus das seit einiger Zeit verändert. Nun sind es der „wilde“, weil unbezähmte Westen des Schneelandes und lange Zeit wegen Grenzkonflikten isoliert gebliebene Landstriche des Himalaya, die das Augenmerk auf sich ziehen. Zwei Autoren haben sich innerhalb des vergangenen Jahres dieses Thema in sehr unterschiedlichen Büchern zu eigen gemacht: Hans Weihreter, der in einem bild- und textreichen Fotoband die gesamte Region am Westrand des Hochlandes vorstellt, und Franz Binder mit seiner „Kailash - Reise zum Berg der Götter“.
Weihreters Prachtband nennt sich „Westhimalaya”. Auch wenn es geographisch nicht ganz korrekt ist, den tibetischen Kailash, Kang Rimpoche, und seine Kette Kang Tise zum Himalaya zu zählen, ist diese Titelwahl vom kulturellen und landschaftlichen Aspekt her dennoch gerechtfertigt. Tatsächlich ist diesen in vieler Hinsicht eng miteinander verbundenen Gebieten gemeinsam, dass sie sozusagen „am Rand der bewohnbaren Erde” liegen. Aus unserer Warte zumindest.
Insofern erhofft sich der Leser, den die vielen schönen Aufnahmen schon beim ersten Durchblättern des Buches begeistern, im Text etwas über die Geschichte, die kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten und die Überlebensstrategien der Menschen, die einen so schwierigen Lebnsraum besiedeln, zu erfahren. Weihreter wird nicht nur diesem Anspruch gerecht, sondern stellt alles in den Zusammanhang der Mythen, die im tibetischen und Himalaya-Raum so wichtig sind, und ergänzt seine Ausführungen durch Beschreibungen autochthoner Kulte und des Alltagslebens der verschiedenen Bergvölker mit ihren teilweise archaischen Gesellschaftsformen. Dabei vergisst er nicht, in seinen im Text eingestreuten Reisebeschreibungen auch persönliche Eindrücke wiederzugeben.
So entführt Weihreter seine Leser mit einem ausführlichen Rundumschlag gekonnt in eine andere Welt. Und wenn sein Anliegen war, das Wesen der erforschten Bergwelten und ihre behüteten Geheimnisse zu ergründen, so ist ihm dies gelungen. Trotzdem hoffen wir, dass auch ihm, wie den Menschen dort, manches unergründlich geblieben ist – denn nicht zuletzt darin besteht die Faszination dieser abgelegenen Welten.

Franz Binder: Kailash. Reise zum Berg der Götter. München: dtv 2002, 216 S., Klappenbroschur mit 27 Farbfotos, 3 Karten, 15,- Euro

Ein ganz anderes Buch legt Franz Binder vor. Der Titel „Kailash. Reise zum Berg der Götter” verrät bereits, dass der Leser hier in erster Linie den Erfahrungsbericht einer modernen „westlichen  Pilgerreise” zu Tibets heiligem Berg erwarten darf. Mit Erstaunen stellt man dann allerdings fest, dass das Buch trotz der Reisebeschreibungen und persönlichen Texte insgesamt ein eher sachlich gehaltenes, wenn auch sehr gut und unterhaltsam geschriebenes Buch über die Geschichte und Entdeckungsgeschichte Tibets ist. Allenfalls steht dabei der von Kailash und Westtibet ausgehende Blickwinkel im Vordergrund. Der Autor beweist große Detailkenntnis und bleibt hinsichtlich der jüngeren Geschichte Tibets meistens objektiv - abgesehen von sehr seltenen, Feindbilder bedienenden Ausrutschern wie „Eiskalte Augen in den ausdrucklosen Gesichtern chinesischer Grenzsoldaten...“ (S. 57). 
Insgesamt gefällt das Buch wegen seiner Vermittlung von geschichlichem und kulturgeschichtlichen Wissen über Tibet und den Himalaya, bei dem der Autor auch die wichtige Mythenwelt ausführlich behandeln. Wer allerdings einen Abenteuerbericht erwartet, liegt mit Binders Buch falsch. Gott sei Dank, möchte man sagen, denn Bücher über Abenteuer und Pseudoabenteuer in Tibet gibt es schon zuhauf. Insofern ist Binders Abweichen von dieser Erwartung eher eine angenehme Überraschung.


 

Grünfelder, Alice (Hg.): Himalaya. Menschen und Mythen. Zürich: Unionsverlag 2002, Hardcover, 272 S., 19.80 Euro

Einen ganz anderen Aspekt, wenngleich nicht auf den Westen Tibets und des Himalaya beschränkt, beleuchtet Alice Grünfelder mit dem von ihr herausgegebenen Erzählband „Himalaya - Menschen und Mythen”. Während die oben angeführten Bücher letztlich die Abgeschiedenheit und schwere Zugänglichkeit dieser „Region am Ende der Welt“ betonen, wird der Himalaya hier – literarisch – zum Drehkreuz benachbarter Kulturen. Die geographische Barriere wird zu einer literarischen Begegnungsstätte.
Wenn in diesem Band aus den Ländern des Himalaya berichtet wird, sind es erstmals deren Bewohner selbst, die sich Gehör verschaffen. Hier wird nicht über die Menschen im Himalaya erzählt, sondern sie sind es selbst, die erzählen. Mehr als 20 Autoren und Autorinnen kommen dabei zu Wort, und konsequenterweise spart Grünfelder die bis heute lebendig in den Menschen fortwirkenden Mythen und Legenden nicht aus. Die reichhaltige Kultur des Dachs der Welt drückt sich durch eine vielfältige Literatur aus, die in einer Gesamtschau zu entdecken hier tatsächlich erstmals versucht wird. Einleuchtend ist dabei, dass literarische Grenzen dabei nicht jenen des gewaltigen Gebirges folgen, sondern das Schrifttum Tibets, Chinas und Indiens mit einbezogen wird. 
Wohltuend ist, dass die Erzählliteratur von Tibetern im indischen und überseeischen Exil mit der von Schriftstellern der VR China zusammenkommen, eingerahmt von Geschichten, die Inder, Nepalesen und den Tibetern nahestehende Völker – wie Sherpas, Gurung und Bhutanesen - erzählen. Nicht verständlich ist allerdings, warum die Herausgeberin diesen Rahmen nicht nutzt, wenigstens einem der modernen tibetischen Erzähler wie Tashi Dawa, Alai oder Sebo Raum zu geben. Als Kennerin dieser literarischen Szene hätte ihr das doch wohl kaum Mühe bereitet. Leider bleibt sie uns die Antwort hierauf in ihrem Nachwort schuldig.
Jenseits von verklärender Nostalgie wird in diesem lohnenden Buch vom alltählichen Leben und den überkommenen Gebräuchen in abgelegenen Bergregionen, von bergsteigerischen und religiösen Erfahrungen, ja selbst vom Schneemenschen berichtet. Das Eindringen der Moderne mit ihren gravierenden Folgen wird ebenso thematisiert wie die immer noch ungebrochene Anziehungskraft der Himalaya-Bergriesen und der Kulturen zu ihren Füßen. Nach dem schönen, 1997 im selben Verlag erschienenen Erzählband „An den Lederriemen geknotete Seele” (zur Rezension hier klicken) ist Alice Grünfelder hier wiederum ein sehr schöner Wurf gelungen. 


 
 
 
 

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