HOMEPAGE  ANDREAS  GRUSCHKE
Book reviews in German language (index)

 


Buchbesprechungen (2)
zu verschiedenen Themen und Regionen:
 
 

Übersicht

 Aglaja Stirn, Peter van Ham: The Seven Sisters of India
 Elke Hessel:
Die Welt hat mich trunken gemacht
 S. Knödel, P. Kvaerne, U. Johansen: Symbolik der tibetischen Religionen und des Schamanismus
 Peter van Ham und Aglaja Stirn:
Bergwüste voller Geheimnisse
H. Tecklenborg (Hg.):
Himalaya - Im Reich der Götter
 G. Allwright & Atsushi Kanamaru (Hg.): Mapping the Tibetan World
 
 
Michael Wolf, Harald Maass: 
China im Wandel
   
 
   
Buchbesprechungen
Übersicht über alle von mir verfassten, im Internet verfügbaren Rezensionen



Peter van Ham und Aglaja Stirn:

Stammesgesellschaften in Nordostindien

Aglaja Stirn, Peter van Ham: The Seven Sisters of India. Tribal Worlds between Tibet and Burma. München, London, New York: Prestel Verlag 2000, 168 S., mit 405 Farbfotos, 1 Karte, DM 98,-
ISBN 3-7913-2399-7
 
Schon beim ersten Blättern im farbenprächtigen Bildband über die sieben Bundesstaaten, die in Nordostindien gelegen sind, fühlt man sich hineinversetzt in eine scheinbar vergangene Welt von in Dschungeln lebenden Stammesvölkern. Wer je versucht hat, sich Reise- oder kulturgeschichtliche Informationen über diesen abgelegenen, von Bhutan, China und Myanmar (Burma) eingerahmten und durch Bangla Desh fast vom restlichen Indien abgeschnürten Teil des südasiatischen Staates zu verschaffen, musste leicht frustriert auf 50 Jahre alte oder noch ältere Literatur zurückgreifen bzw. sich mit wenigen unbestimmten Zeilen in den gängigen Reiseführern zufrieden geben. Schon allein deshalb ist es ein gebührendes Verdienst zu nennen, dass sich die Autoren Aglaja Stirn und Peter van Ham zusammen mit dem Prestel Verlag auf das Wagnis eingelassen haben, diesen hochinteressanten Raum einem Publikum zu präsentieren, das die Namen der betreffenden indischen Bundesstaaten, von Assam einmal abgesehen, kaum gehört haben dürfte: Arunachal Pradesh, Nagaland, Manipur, Mizoram, Meghalaya und Tripura. 

Von den Autoren als die „Sieben Schwestern Indiens" bezeichnet, umfassen sie ein Gebiet so groß wie Westeuropa und gehören zu den am wenigsten von Fremden besuchten Gegenden des indischen Subkontinents. Die Engländer hatten bis zum Ende der Kolonialzeit kaum Zugang zu den Hügeln jenseits der Ränder des Assam-Tieflandes. Die tribal areas - hügelige Vorberge, Berggebiete im Süden und der nach Tibet hinaufstrebende östliche Himalaya - blieben unerforscht, da unzugänglich. So geschieht es mit diesem Buch weltweit wirklich das erste Mal, dass Indiens „wilder" Nordosten so umfassend beschrieben wird. Über Jahrzehnte waren er als Unruheregion gesperrt, und viele Teile davon erfordern auch heute noch teure Sondergenehmigungen. Selbst Inder benötigen teilweise sog. Inner Line Permits, was die Einreise z.B. in den indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh einem internationalen Grenzübertritt vergleichbar macht.
Die Assam benachbarten Räume zählten nach der Entkolonialisierung und Ausbildung der heutigen „Nationalstaaten" in Südasien zu den umstrittensten Gebieten. Um den größten Teil Arunachal Pradeshs beispielsweise, das u.a. den kompletten Ostteil des Himalayas östlich von Bhutan einnimmt, haben Indien und China einen abstrusen Krieg geführt. Merkwürdig insofern, als China in einem schnellen Feldzug die gesamte Himalaya-Südabdachung bis zum Gebirgsfuß in der Assam-Ebene eroberte, um seinen Anspruch auf dieses Gebiet deutlich zu machen - einen Anspruch, den es bis heute erhebt, obschon es sich wenige Wochen nach dem erfolgreichen Feldzug freiwillig auf die von ihm nicht anerkannte McMahon-Linie - den Himalaya-Hauptkamm - zurückzog. Diese geschichtlichen Aspekte wie das koloniale Handeln der Briten, die die Grundlagen für diesen Konflikt geschaffen hatten, werden von Stirn und van Ham leider ausgeklammert. Hier wäre wenigstens ein Verweis auf das dieses Thema ausführlich behandelnde Werke von Alastair Lamb* zu erwarten, den wir - einziger Wermutstropfen des Buches - leider in der Bibliographie vermissen.
Das Hauptanliegen der Autoren ist allerdings auch die Dokumentation der immer noch sehr lebendigen Kultur der Stammesgesellschaften in Nordostindien, hauptsächlich in jenen Bundesstaaten, die Assam umschließen. Es sind bislang völlig unbekannte Völker, Kulturen und Gebräuche, die wir kennen lernen. In für einen solchen Prachtband ausführlicher Dokumentation in Text und Bild konzentrieren sich die Autoren auf die verschiedenen Aspekte des alltäglichen Lebens, der Glaubensvorstellungen und religiösen Rituale. Mit besonderer Aufmerksamkeit stellen sie die vilefältige Lebenswelt, den mythischen und historisch nachweisbaren Ursprung dieser Völker zueinander in Beziehung und widmen der Betrachtung ihrer Wohnkultur, der Ahnenverehrung, dem Donyi-Polo-Kult um sonne und Mond und der materiellen wie ideellen Kultur ausführlichen Raum. Auch die historische Perspektive, in der matriarchalische Strukturen und Kopfjägerei eine große Rolle spielen, kommen nicht zu kurz.
Das Konzept des Buches ist das eines dokumentarischen Bildbandes, und zwar weniger mit dem Schwerpunkt über großformatige Fotos romantische Stimmung zu erzeugen (die sich, so der Leser Fernweh mitbringt, gleichwohl einstellen kann), als vielmehr über eine Vielzahl von Abbildungen auch die Vielfalt des Raumes darzustellen. Eindeutig stehen dabei die Menschen im Mittelpunkt, was bei der ethnischen Vielfalt in dieser Region, die sich zwischen Tibet im Norden und Myanmar im Süden durch unzählige verschiedene Stammesbevölkerungen ausdrückt, auch Sinn macht. Den Reichtum und der Lebendigkeit der Kulturen, die von über 500 ethnischen Gruppen, vornehmlich tibeto-burmesischen Ursprungs, getragen wird, präsentieren sie in 13 Kapiteln, die zumeist nach übergreifenden Themenstellungen geordnet sind. In den ersten beiden Kapiteln werden Raum und Bevölkerung sowie deren Ursprünge vorgestellt, anschließend exemplarisch die bedeutende Gruppe der Apa Tanis herausgegriffen und präsentiert. Der Glaube an die Gestirne ist als verbindende religiöse Vorstellung ein Bindeglied zwischen mehreren Ethnien, weshalb ihm ein ganzer Abschnitt gewidmet wird. Nachfolgend kommt die materielle Kultur mit ihren Symbolgehalten zur Sprache: das Haus als Mutterleib der Stammesgesellschaft, die Mythologie des Webens, die Welt als Tanz begriffen und die Jagd. Mit den Kapiteln über Schamanismus, animistische und totemistische Aspekte sowie die buddhistische Hochreligion der tibetischen und burmesischen Völker wird religiösen Phänomenen ein gutes Drittel des Buches gewidmet. Abei werden auch nicht die Probleme vergessen, die durch das Aufeinandertreffen traditionller Werte und religiöser Vorstellungen mit Missionaren und politischen Entwicklungen Indiens seit der Kolonialzeit entstanden und bestehen.
Da wir als Menschen, die in einer hochtechnisierten Gesellschaft der Natrur und dem Ritual in hohem Maße entfremdet sind, vom Phänomen der Kopfjägerei schaurig-ergriffen sind, ist auch ihr, samt dem zugrundeliegenden Fruchtbarkeitskult und weiteren Vorstellungen,  ein ausführlicher Text zugedacht, während der Abschluss der Rolle der Frauen und der gesellschaftliche Stellung des Weiblichen gilt. Eine im wesentlichen gute Bibliographie führt den interessierten Leser auch noch weiter.

       Andreas Gruschke
* Wichtige ergänzende Literatur:
Alastair Lamb: "The China-India border: the origins of the disputed boundaries", London: Oxford University Press, 1964
Alastair Lamb: "Tibet, China & India 1914-1950: a history of Imperial diplomacy", Hertingfordbury [England]: Roxford Book 1989.
 
 

zurück zur Übersicht



Von Peter van Ham und Aglaja Stirn sind außerdem noch folgende interessante Bild- und Textbände erschienen:
 
«Buddhas Bergwüste - Tibets geheimes Erbe im Himalaya. Kinnaur, Spiti, Lahaul, Changthang, Nubra» (Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1999)
«Sierra, Bd.85, Auf Buddhas Pfaden» (Taschenbuch, Frederking & Thaler)
 

 
zurück zur Übersicht



Die tibetische Welt in Karten

Gavin Allwright & Atsushi Kanamaru (Hg.): Mapping the Tibetan World. Reno NV (USA): Kotan Publishing 2000, 416 Seiten m. 253 SW- und 21 Farbfotos, 250 Karten und Übersichtsplänen. Paperback ca. 31,- €  -  ISBN: 0970171609
 
Der Begriff Tibet ist oft unscharf definiert und wird daher häufig sehr weit gefasst. Ehrlicher ist damit der von Gavin Allwright und Atsushi Kanamaru herausgegebene Reiseführer „Die tibetische Welt in Karten" (Mapping the Tibetan World). Es darf als ein sehr ambitioniertes Unterfangen angesehen werden, den tibetischen Kulturraum einer umfassenden Darstellung zu würdigen. Mit Blick auf das Dach der Welt hatte dies bislang lediglich Gyurme Dorje in seinem brauchbaren Tibet Handbook versucht. Dabei sind nicht nur die tibetisch besiedelten Gebiete innerhalb Chinas samt ihren benachbarten Zugangsregionen in Xinjiang, Gansu, Sichuan und Yunnan aufgenommen worden, sondern fast der gesamte Himalaya-Bereich von Ladakh im Westen über Nepal, Sikkim und Bhutan bis Arunachal Pradesh in Indiens Nordosten. Neu ist an vorliegendem Werk der Anspruch, eine große Zahl von Karten und Übersichtsplänen zu liefern, die es einem Reisenden - aber auch sich zu Hause Orientierenden - ermöglichen, Orte, Klöster und Wege geographisch einzuordnen und sich selbst dabei zurechtzufinden. Betonen sollte man dabei auch, dass versucht wird, ideologiefrei mit der Namengebung umzugehen und daher auch die verschiedenen Schreibweisen zu liefern, die einem auf Reisen in betroffenen Regionen begegnen können - von tibetischen über chinesische, Nepali, Hindi bis hin zu englischen.

Reiseführer sprechen sehr unterschiedliche Ansprüche an, und es darf getrost als unmöglich bezeichnet werden, einen gewaltigen Raum wie das tibetische Hochland, das rund siebenmal so groß ist wie Deutschland, in Wort und Bild in einem fürs Reisegepäck tauglichen Handbuch umfassend darzustellen. Zu viel gibt es zu sehen und zu erfahren, und eine ins bodenlose gewachsene Tibetwissenschaft beginnt sich zu mühen, die vielfältigen Aspekte tibetischer Kultur und Natur, der Menschen und ihres Schaffens, auf wochenlangen Seminaren mit mehr als 300 Teilnehmern nach und nach aufzuarbeiten. Dies mag auch der Grund sein, warum Allbright und Kanamaru gar nicht erst versuchen, einen landeskundlichen Überblick über den tibetischen Kulturraum zu geben. Was sie anstreben ist das Liefern von reisepraktischen Informationen. Und da beim Reisen zum einen die Orientierung eine zentrale Rolle spielt, zum andern auch bereits mehrere Reiseführer existieren, haben sie sich auf das konzentriert, was bislang fehlte: vernünftiges Kartenmaterial.
Herausgekommen ist dabei ein erstaunlich umfassendes, auf dem derzeitigen Stand der Kenntnisse (und vielleicht sogar ein wenig darüber hinausgehend) basierendes Werk mit einer Vielzahl von guten Kartenskizzen und Übersichtsplänen, die es einem erlauben, sich auf Trekking-Touren vom Annapurna in Nepal bis Hailuogou am osttibetischen Rand in Sichuan zu begeben, sich in zahllosen Städten und Städtchen zwischen Delhi und Lanzhou, Kashgar und Lanzhou zu orientieren und anhand von Straßenkarten mit gelegentlichen Entfernungs- und Höhenangaben Touren zu planen. Dies macht das handliche Paperback lohnend für jede Reise in den tibetischen Raum und wert, auf die Touren mitgenommen zu werden.
Informationen über die Kultur und die Menschen kann es bei alledem allerdings nicht leisten - und will dies wohl auch nicht. Es wird Kultur- und Kunstreiseführer daher lediglich ergänzen, macht sich jedoch tatsächlich durch den hohen Informationsgehalt seiner Karten durchaus unentbehrlich. Es liefert mit ihnen Tips und Anregungen, die vor allem all jene ansprechen, die über die üblichen Hauptrouten hinausgehen und - fahren und dabei selbst zum Entdecker werden wollen. Für solcherart Reisen ist Mapping the Tibetan World der ideale Begleiter. Dabei wird dem Benutzer auch durchaus deutlich, wie lebendig und vielfältig der tibetische Kulturraum geblieben oder wieder geworden ist. Auch eine „Blätter-Reise" lohnt somit, begleitet durch eine Vielzahl von kleinen Schwarzweißphotos, die zwar nicht allzu aussagekräftig sind, aber doch wirkungsvoll genug, langes unterdrückte Fernweh wieder aufbrechen zu lassen.

Andreas Gruschke



China im Wandel oder das alte China?

Michael Wolf, Harald Maass: China im Wandel. München: Frederking & Thaler 2001, 192 Seiten m. 130 Farbfotos, gebunden mit Schutzumschlag. Preis 50,- €
 
Nach zahllosen Bildbänden, die sich das klassische, das alte Reich der Mitte zum Thema gemacht haben verspricht hier nun ein Titel, das sich wandelnde China darzustellen. Rasch bestechen der schöne Einband und die große Zahl beeindruckender dekorativer Fotos des in China lebenden Fotografen Michael Wolf. So einnehmend seine Perspektiven sind stutzt der interessierte Leser jedoch schon bald, denn was gezeigt wird steht doch in krassem Gegensatz zu dem, was der Buchtitel versprach: China im Wandel. Wieder geht es hier um die Präsentation dessen, was eigentlich das alte China heißen müsste. Es bleibt ein Gefühl, der Fotograph habe mit seiner Kamera ein China eingefangen, das schon morgen so nicht mehr zu finden sei. Es sind ohne Zweifel sehr schöne, teilweise phantastische Fotos, die uns da auf eine Bilderreise durch China führen - aber China im Wandel lässt sich bestimmt nicht dadurch repräsentieren, dass man am Ende des Buches ein einziges Foto des modernen Shanghai, eine Wohnblocksiedlung in Chengdu und ein paar Fotos von abgerissenen alten Häusern zeigt. Hier fehlt das dynamische, wieder jung gewordene, in seiner Veränderungswut zwar oft auch über die Stränge schlagende, aber phantasievolle moderne China ganz.

Statt dessen spüren die Autoren behutsam das alte China auf, das, wie sie ausdrücken, nur noch in den Nischen entlegener Bauerndörfer oder vergessener Städte existiert. Doch noch gehört dieses Alte zur Wirklichkeit Chinas, zur eindringlichen Lebenswirklichkeit seiner Menschen - ein außergewöhnliches Potpourri an exotischen Riten, Düften, Traditionen, die einem vor allem das Gefühl vermitteln, einen geheimen, fast verbotenen Blick hinter die offiziellen Fassaden des fast nur noch im Hinblick auf die Führung als kommunistisch zu bezeichnenden Riesenreiches zu erhaschen. Dies alles jedoch ist die Bestandsaufnahme vor  dem Wandel, oder dessen, was der Wandel noch nicht erfasst hat ! Lässt sich ein Buchtitel China im Wandel allein damit begründen, zu sagen, dass es das Alte, das man dokumentiert, bald nicht mehr gebe?
Was aber ist Wandel? Es bedeutet ja nicht nur Abriss und Zerstörung, sondern Veränderung von etwas Altem zu etwas Neuem. Im vorliegenden Buch wird als Veränderung jedoch fast nur Verlust beschrieben. Was neu ist bleibt außen vor. Selbst die Menschen werden überwiegend über ältere Chinesen porträtiert, oder über Junge auf dem Land, die wenigstens altbacken wirken. Ist dies ein Zufall in der Bildauswahl, oder liegt es daran, dass deren Abbilder stimmungsvoller sind als jene der „jungen städtischen Professionellen", die den Wandel der Städte und des Landes dynamisch gestalten - und zwar durchaus auch kreativ und nicht nur destruktiv.
Der Wandel dieses Chinas im Wandel komt folglich zu kurz: es wird gezeigt, von wo es sich weg-verändert, aber nicht wohin. Die Zukunft wird nicht einmal skizziert, und so entsteht der Eindruck, es gebe keine. Diesen Eindruck stärkt der Text zum Glück nicht, doch die Chance, den wahren Wandel auch über das Bildmaterial auszudrücken, ist leider vertan. Zu ausführlich dokumentiert es die Relikte der Vergangenheit, und lässt die Gegenwart allenfalls als deren bald brüchiger werdenden Spiegel erscheinen. Die davon ausgehende Faszination ist verständlich und nachvollziehbar, doch war der Gegenstand anders definiert. Thema verfehlt, ließe sich da sagen, wenn auch auf schöne Art und Weise.
Etwas besser sieht es da mit dem Text des China-Korrespondenten Harald Maass aus, der in den Pekinger „Hutongs" - den Altstadtgassen der Hauptstadt - lebt und das Leben dort eindrucksvoll und lebendig beschreibt. In seinem Text wird es schon angesprochen, dass China im Umbruch ist: dass Hochhäuser in Peking, Shanghai und Kanton die alten Stadtteile verdrängen, weil es sich dort für die Menschen nicht so gut leben wird. Er stellt nicht nur fest, sondern begründet auch mit den Argumenten der Bewohner selbst. Gelegentlich entlarvt er dabei die dabei entstehende Wehmut als die romantische Perspektive des westlichen Besuchers. Damit bewahrt er die zugegebenermaßen wunderschönen Fotos davor, den vorliegenden Bildband lediglich zu einem Schwanengesang auf eine verlorene Welt werden zu lassen, ohne eine wirkliche Perspektive für die Zukunft. So ganz widersprechen will Harald Maass diesem Eindruck aber auch nicht immer.
Gleichwohl zeichnet er in seinen lebensnahen Texten ein optimistischeres, ein fröhlicheres Bild des Landes, als es die verloren wirkenden Menschen auf Wolfs Personenbildern tun. Dies bleibt uns das Rätselhafteste an den ansonsten überzeugenden Fotos: wie es kommt, dass kaum einmal jemand auf den Bildern lacht, wo es doch gerade die Frohnatur der Chinesen, ihr Lachen und Spaß an der Freude, ist, was uns immer in den Bann zieht. Aber auch Maass entfernt sich im Text nach der viel versprechenden Einleitung über die Hauptstadt Beijing vom Wandel in den Städten und verläuft sich auf dem zugegebermaßen hochinteressanten Land, wo ja auch noch immer die Mehrheit der Chinesen lebt. Die Ungleichgewichte des Bildteils sind daher kaum auszugleichen.
Was als Fazit über diesen prächtigen Farbband zu sagen bleibt, ist: herrliche Bilder, die aber am Thema vorbeigehen, und damit einmal ein Bildband, in dem der relativierende Text wichtiger ist als in vielen anderen derartigen Werken! Insgesamt kann man ihn daher zwar wärmstens, jedoch nur mit einem „Schade über die vertane Chance!" empfehlen.

Andreas Gruschke und Astrid Zimmermann


 
zurück zur Übersicht


Peter van Ham und Aglaja Stirn:

Bergwüste voller Geheimnisse

Peter van Ham und Aglaja Stirn: „Buddhas Bergwüste - Tibets geheimes Erbe im Himalaya. Kinnaur, Spiti, Lahaul, Changthang, Nubra". Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1999, 192 S., 223 Farb- und 10 SW-Fotos, 1 Karte, DM 107,-
 
Man kann es nicht anders als verdienstvoll nennen, daß sich ein Verlag daran wagt, über eine verhältnismäßig kleine Teilregion des Himalayas - nämlich seinen fernen Westen - einen opulenten Bildband mit sachkundiger Hintergrundinformation herauszugeben. Die einstmals sehr abgeschlossenen und noch heute nicht ganz leicht erreichbaren Regionen von Kinnaur, Spiti, Lahaul und die an Ladakh anschließenden Gebiete Nubra sowie des tibetischen Changthang-Hochplateaus werden sozusagen in knappen länderkundlichen Skizzen vorgestellt. Dabei fallen die kleinen Textkapitel über Kinnaur und Spiti am ausführlichsten aus, da deren geschichtliche Hintergründe auch am besten erforscht sind.

Es ist überaus interessant und wohltuend, wie van Ham und Stirn die verschiedenen kulturellen und ethnischen Einflüsse dieser Landstriche im West-Himalaya ansprechen und bündig analysieren. So wird mit Recht darauf hingewiesen, daß trotz des starken tibetischen Einflusses im Norden und Nordosten dieser Region sowie des hinduistischen im Süden und Südwesten dennoch keine eindeutigen Zuordnungen möglich sind. So kleinräumig die ehemaligen Fürstentümer letztlich sind, so hat doch jedes seine eigene ‘Mi-schung’ zuwege gebracht. Jede hat zwar Ähnlichkeit mit dem Nachbarraum, zeichnet sich aber doch durch spezielle Eigenheiten aus. Man würde sich wünschen, daß sich die zahlreichen die Tibetfrage behandelnden Autoren hier ein Beispiel nähmen und die anderen Teile des gewaltig-großen tibetisch-buddhistischen Kulturraumes ähnlich differenziert betrachten würden.
Daß im einen oder anderen - nicht gravierenden - Fall manche Aussagen der Autoren zu wenig reflektiert werden, spielt allenfalls für den Fachmann eine Rolle. So hätte es ihnen immerhin zu denken geben sollen, wenn sie im Kinnaur-Kapitel betonen, daß die Frauen durch die Polyandrie (also die „Vielmänner-Ehe") Erleichterung bei ihrer Arbeit erfahren, aus der nachfolgenden Beschreibung dann aber deutlich wird, daß die Männer gleichwohl nur den in ihrer Gesellschaft typischen Männertätigkeiten nachgehen, die Frau dagegen mindestens gleich viel, wenn nicht gar mehr zu tun bekommt als sonst. Auch fragt man sich, inwiefern ein Junge, der von seinen Eltern u.U. mit sieben Jahren ins Kloster geschickt wird, tatsächlich die Möglichkeit hätte, diesem Scicksal zu entgehen, indem er sich eine entsprechende Braut zurm Heiraten suchte?
Dies sind jedoch Details am Rande und schmälern in keinster Weise den Informa-tionsgehalt des Buches, und schon gar nicht die vorzügliche Qualität des Bildmaterials. Landschaften, Menschen, Kulturdenkmäler und Kunstschätze werden hier in vorzüglicher Weise dokumentiert und präsentiert. Als sehr angenehm empfindet bestimmt jeder Leser, daß die herrlich strahlenden Fotos, die die unterschiedlichen Stimmungen in der Gebirgsregion sehr schön wiedergeben, meist mit sehr ausführlichen Bildlegenden versehen sind. Auf diese Weise werden die Autoren den Besonderheiten der einzelnen Gebiete gerecht und erleichtern dem Leser die unmittelbare Zuordnung inhaltlicher Erläuterungen. So wird die Beschäftigung mit den Fotos nicht auf ein verständnisloses, staunendes Blättern im Buch reduziert, sondern von informativen Erläuterungen begleitet.
Ich gehe davon aus, daß auch jene, die mit den Namen Kinnaur, Spiti, Lahaul, Changthang und Nubra zuvor nichts anfangen konnten, nach der Lektüre und dem wiederholten Durchschauen des Bandes mit dem etwas merkwürdig anmutenden, aber durchaus zutreffenden Titel „Buddhas Bergwüste" unwiederbringlich Fernweh bekommen werden - nach eben diesen Gebieten...

     Andreas Gruschke

 

zurück zur Übersicht


Elke Hessel:

Die Welt hat mich trunken gemacht. 
Die Lebensgeschichte des Amdo Gendün Chöpel.

Elke Hessel: «Die Welt hat mich trunken gemacht. Die Lebensgeschichte des Amdo Gendün Chöpel»
Berlin: Theseus Verlag 2000, 320 Seiten m. 1 Karte, 22,90 €  -  ISBN: 3896201565
 
Nur wenigen ist geläufig, wie sehr Amdowas - Tibeter aus dem fernen Nordosten des größten Hochlandes der Welt - die politische, religiöse und Geistesgeschichte Tibets geprägt haben. Nicht nur der große Reformator Tsongkhapa, der an der Wende des 14. zum 15. Jahrhundert den letzten großen Reformorden des Lamaismus ins Leben rief, und zahlreiche Dalai und Panchen Lamas stammten aus Osttibet, sondern eine Vielzahl von einflussreichen Mönchen, hohen Gelehrten wie aus Amdo und Kham prägten die Geschichte auch Zentraltibets entscheidend. Das rückwärtsgewandte Interesse des Westens an Tibet verstellt leider nur allzu oft den Blick auf dessen Ereignisse und Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Aus diesem Grunde ist es überaus verdienstvoll von der freischaffenden Künstlerin und Tibetwissenschaftlerin Elke Hessel, die Lebensgeschichte von Gendün Chöpel - eines buddhistischen Mönchs, Künstlers, Träumers und Rebells aus Amdo - im vorliegenden Buch zu präsentieren.

Gendün Chöpel (1905-1951) kann ohne Zweifel als eine der faszinierendsten und schillerndsten Persönlichkeiten Tibets im 20. Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Bedeutung für die tibetische Geistesgeschichte wird zunehmend auch im Westen erkannt. Früh als Wiedergeburt eines spirituellen Meisters entdeckt ... (weiter lesen hier klicken)

Detaillierte Besprechungauf der Dokham Homepageàbitte hier klicken.

Es ist das Verdienst von Elke Hessel, dem deutschsprachigen Leser dieses Verständnis zu ermöglichen.

                                                                               Andreas Gruschke


zurück zur Übersicht



Hubert Tecklenborg (Hrsg.):

Himalaya 
Im Reich der Götter

Hubert Tecklenborg: „Himalaya - Im Reich der Götter". Steinfurt: Tecklenborg Verlag 2001, 184 S., 184 Farbfotos, DM 98,-  Euro 50,-   ISBN 3-924044-92-9
 
Im Reich der Götter

Vom Indus im Nordwesten bis zum Brahmaputra im Südosten erstreckt sich der Himalaya auf ca. 2500 km auf dem asiatischen Kontinent. Es ist eine Region von atemberaubender Schönheit und einzigartiger Vielfalt, in der gleichzeitig tropische Urwälder, karge Bergwüsten und die höchsten Gipfel der Welt liegen. In den Tälern und auf den Hochebenen des gewaltigen Gebirgsmassivs haben sich im Laufe der Jahrhunderte die verschiedensten Völker angesiedelt und bis heute ihre Kulturen und Traditionen bewahrt.

Die Zauberwelt des Himalaya ist die Heimat von rund 40 Millionen Menschen - ein buntes Gemisch der Ethnien, Religionen und Lebensformen. Allen gemeinsam ist jedoch die tiefe Ehrfurcht vor den Schneeriesen, zu deren Füßen sie leben. Auf den wolkenumwölbten Berggipfeln thronen dem Glauben der Einheimischen nach die Götter und bestimmen den Lebensrhythmus der Menschen von der Geburt bis zum Tod. Farbenprächtige religiöse Zeremonien und Maskentänze, mühevolle Pilgerreisen zu heiligen Bergen und Seen, monumentale Sakralbauten und überall bunte Gebetsfahnen - der harte Alltag in der oft lebensfeindlichen Welt des Himalaya ist von Glauben und Spiritualität durchdrungen. Nirgendwo sonst finden sich in einem Gebirge so viele Zeichen der Religiosität.
Mit einer Sammlung beeindruckender Aufnahmen aus verschiedenen Fotoexpeditionen nach Ladakh, Zanskar, Kaschmir, Himachal Pradesh, Nepal, Mustang, Sikkim, Arunachal Pradesh, Tibet und Bhutan lädt dieser Bildband ein zu einer Reise in die mystische Welt des höchsten Gebirges der Erde.

     (Umschlagtext)

zurück zur Übersicht


Susanne Knödel, Per Kvaerne und Ulla Johansen: "Symbolik der tibetischen Religionen und des Schamanismus" (Symbolik der Religionen, Bd. XXIII). Tafelband, mit einem Beitrag zur Bon-Religion von Per Kvaerne. Stuttgart: Anton Hiersemann Verlag, 2000, 282 S.

Zusammen mit der Neuauflage des 1967 erschienenen Grundlagenwerkes über die „Symbolik der tibetischen Religionen und des Schamanismus" von Helmut Hoffmann hat der Hiersemann Verlag nun mit einem ergänzenden Bildband das Werk nicht nur komplettiert, sondern auch anschaulicher gemacht. Im umfangreichsten ersten Teil legt Susanne Knödel eine systematische Einführung in die Bilderwelt des tibetischen Buddhismus vor. Die im Vergleich zu einem reinen Textwerk natürlich knapperen Bilderklärungen führen skizzenhaft in die Ikonographie der hierarchisch geordneten göttlichen Wesenheiten ein: Buddhas der verschiedenen Ebenen, Bodhisattvas, Schutzgottheiten und eine exemplarische Auswahl von Göttern sowie symbolische Bildwerke wie Mandalas, Rad der Existenz und Ritualgegenstände. Große Lehrer und Mönchsgelehrte werden - von Padmasambhava abgesehen - ausgespart.
Die wichtigsten Bön-Gottheiten werden in wenigen Bildbeispielen vorgestellt, was in Anbetracht des immer noch sehr rudimentären Wissens über die Ikonographie der Bön-Religion verständlich ist. Kvaernes bibliographischer Essay freilich macht deutlich, dass sie zukünftig in separaten Werken wird abgehandelt werden müssen. Im Rahmen des vorliegenden Tafelbandes reicht der erste Einstieg, der durch die Parallelen und enge Verwobenheit mit dem tibetischen Buddhismus erleichtert wird. Mit einem Viertel des Bandes nimmt der schamanistische Bildteil im Vergleich zum Bön verhältnismäßig viel Raum ein, zumal der Schamanismus kein nur dem tibetischen Religionskomplex eigenes Phänomen darstellt, sondern - wie die Verfasserin Ulla Johansen mit Recht betont - „ein Phänomen, das im Zusammenhang mit unterschiedlichen einheimischen Religionen auftreten kann" (S. 192).
Die Erläuterungen des Tafelbandes von Knödel, Kvaerne und Johansen sind in sich geschlossen und erschließen sich dem Kenner der Materie auch ohne die unmittelbaren Ausführungen des Textbandes von Hoffmann. Die Systematik beider Bände ist aufeinander abgestimmt, während den Fortschritten beim wissenschaftlichen Kenntnisstand seit dem ersten Erscheinen von Hoffmanns Textband im Tafelband Rechnung getragen wurde.
Aufgrund der Fülle der Gestalten und Symbole in der Glaubenswelt der Tibeter ist es nicht möglich, bei deren Darstellung Vollständigkeit zu erlangen. Selbst die Grundgestalten können nicht komplett eingeführt werden, da regionale Unterschiede wie auch verschiedene Interpretation und Betonung der Wesenheiten je nach Schulrichtung bereits eine Übereinkunft darüber verunmöglicht, welche in einem größeren Rahmen noch als grundlegend zu betrachten sind und welche nicht. Wenig einbezogen wird die Volksreligion, welche die Symbolik der Hochreligion durchaus in eigener Weise zu deuten imstande ist. Allerdings hat die Forschung dies aufgrund der Komplexität und Faszination der philosophisch-meditativen Aspekte der tibetisch-buddhistischen Hochreligion bis heute vernachlässigt. Noch bei Hoffmanns Text wird deutlich, dass die Neigung besteht, die tibetische Volksreligion dem Bön-Part zuzurechnen, während wir doch eigentlich davon ausgehen müssen, dass die Volksreligion - sei es im Rahmen des Buddhismus, sei es im Bön - neben beiden zu ihrem eigenen Recht kommen muss.
Abschließend bleibt zu bemerken, dass die gute Wiedergabe - auf 125 Schwarzweiß-Tafeln - der zur Illustration zumeist aus dem Hamburger Völkerkundemuseum ausgewählten Stücke den Band allein schon lohnend machen. Aus diesem Grund wird er von Fachleuten gewiss dem schon vorhandenen Textband aus Hoffmanns Feder hinzugesellt. Auch für bislang weniger tief in die Materie Eingedrungene bietet sich mit dem Tafelband die Möglichkeit, die Symbolik der tibetischen Religionen systematisch zu erfassen und durch die Erläuterungen zu vertiefen. Für Lücken im Wissen des Laien eignet sich der ältere Textband gut als Referenzwerk. Die entsprechend der Dreigliederung des Werkes ebenfalls aufgeteilte Bibliographie bietet darüber hinaus die Chance, sich einen Überblick über die jüngere diesbezügliche Literatur zu verschaffen.

Andreas Gruschke


 
Buchempfehlungen

Hoffmann, Carl-Heinz und Franz Aberham: Zanskar im Himalaya. Reise in die Gegenwart

Übersicht   über alle von mir verfassten, im Internet verfügbaren Rezensionen


 
Suchen in:
Suchbegriffe:
In Partnerschaft mit Amazon.de



 
 
zurück zum Anfang
Andreas Homepage

Andreas'  homepage

GÄSTEBUCH

 
 

Links
zu anderen Seiten der Homepage
Tibet-Veröffentlichungen
Veröffentlichungen über andere Regionen
Tibet-Buch im
Schillinger Verlag
Meine Rezensionen 
im Internet (Index)
Rezensionen 1
Tee-Buch
(in Vorbereitung)
Zanskar-Buch von
Carl-Heinz Hoffmann
 Tendol Gyalzurs
Waisenhaus bei Lhasa
Lebenslauf
 English text of homepage
 A private trip to Myanmar
 Dia-Archiv-Hauptseite
Tibet-Dias
Gästebuch
Fernostreisen
China-Tour
Tibet-Tour
Einzelreisen nach Korea
Nordkorea-Tour
Südkorea-Tour
Index of all links to all pages of my homepage

Laut  sind
Sie seit April des Jahres 2001
auf meiner Homepage der Besucher Nr.:

 
 



 
 
 
 
 

Suchen nach:
 
In Partnerschaft mit Amazon.de

 
 
 

-DISCLAIMER-

Mit einem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, daß man durch die Anbringung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Für alle Links gilt: Ich möchte ausdrücklich betonen, daß ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe. Deshalb distanziere ich mich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage.