HOMEPAGE  ANDREAS  GRUSCHKE


Buchbesprechungen zum Thema

Mythos Tibet

Dodin & Räther (Hrsg.):
Mythos Tibet. Wahrnehmungen, Projektionen, Phantasien
van Ham & Stirn:
Vergessene Götter Tibets
Hans Först: 
Tibet. Mythos und Wirklichkeit
Behrendt: Projektmappe
Tibet - Menschen und Menschenrechte
Zur Ethnographie des
Tibetischen Hochlandes
Ludwig, Klemens: 
Der Weg zum Potala. Ein Roman aus dem alten Tibet
 Brauen, Martin:  „Traumwelt Tibet – Westliche Trugbilder", (Ausstellungspublikation), Zürich 2000


Vom Mythos Tibet und seinen Projektionen

Thierry Dodin und Heinz Räther (Hrsg.), Mythos Tibet. Wahrnehmungen, Projektionen, Phantasien. Köln: DuMont Buchverlag 1997, 384 S. m. ca. 100 Abbildungen und 1 Karte, DM 69,-
In vielfältiger Manier dienen die geographischen Räume des „Dachs der Welt" einem wie auch immer gearteten Mythos Tibet. Dessen Götter- und Geisteswelt zieht die Men-schen im Westen seit langem ungebrochen in ihren Bann. Einige sehr unterschiedliche Publikationen haben sich in den letzten Jahren intensiv mit diesem Raum beschäftigt und ihren Anspruch auf jeweils eigene Art gelöst. Auf für europäische Begriffe völlig neue Art wagt sich der Band „Mythos Tibet" des DuMont-Verlages an das Thema heran, indem er Einblick in die Prozesse der Mythenbildung über und um Tibet verschafft. Auf diese Weise können die in ihm versammelten Beiträge durch die Dekonstruktion dieses Mythos einen realistischeren Eindruck des Lebens in Tibet geben als mancher alte (oder neue) Reisebericht. Schließlich wollen solche Richtigstellungen und „Entmystifizierungen" des Mythos Tibet ja nicht der Unterstützung der Tibeter und ihrer Sache den Wind aus den Segeln nehmen; im Gegenteil: erst die Betrachtung der Probleme auf ihrer realen Grundlage wird auf dem Weg zu Lösungsmöglichkeiten der Probleme des gebeutelten Landes wirklich weiterhelfen.
Demystifizierung kann auf diejenigen, die dem Mythos erlegen sind,  zwei grundverschiedene Wirkungen haben. Einerseits wird für sie eine Welt zusammenbrechen, weil vieles von dem, was sie geglaubt haben, wovon sie überzeugt waren, sich als falsch oder fragwürdig herausgestellt hat. Dies ist entweder ein Ergebnis mangelnder Gelegenheiten oder fehlenden Willens, sich kritisch mit Informationen über Tibet auseinanderzusetzen - also auch exiltibetische Äußerungen zu hinterfragen. Die andere, bessere und vielversprechendere Wirkungsmöglichkeit der Dekonstruktion des Mythos hofft auf die Bereitschaft, sich aufklären zu lassen über die wirkliche Situa-tion in Vergangenheit und Gegenwart, über Hintergründe und darüber, wie es zu den merkwürdigen Wahrnehmungen und Projektionen kommen konnte, und welche Phantasien aus dem eigenen Kulturraum dazu beigetragen haben könnten. Dies leistet in eindrucksvoller Weise der in seiner Umfassendheit und präzisen Argumentation kaum zu überbietende vorliegende Band, der auf ein Symposium zurückgeht, das im Mai 1996 unter dem gleichen Titel in Bonn stattfand. Mit Blick auf geschichtliche, politische und soziale Bedingungen im alten Tibet werden hier die Tibetbilder untersucht, die - wie immer wieder aufscheint - mit der gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Wirklichkeit des „Schnee-landes" oft wenig zu tun haben.

Wer eine spannende und möglichst klischeefreie Tibetreise machen will, sollte sich den DuMont-Band vorab zu Gemüte führen: um mittels dieser imaginären Landeskunde des Tibets, das vor allem in den Köpfen der Nicht-Tibeter existiert, zu erkennen, was in den vorhandenen Vorstellungen alles nichts, oder weniger mit Tibet als mit uns, zu tun hat. Dies ist so überaus wichtig, weil auch die Berichte, die uns heute aus Tibet erreichen, fast immer von Wahrnehmungsmustern geprägt sind, die sich in der Vergangenheit aufgrund der verschiedenen betbilder herausgebildet haben. Dem Tibet-„Neuling", der eine Reise - gerade auch wegen der Attraktionen des gängigen „Mythos Tibet" - erst plant, mag nach der sorgfältigen Lektüre manche Enttäuschung im Land selbst erspart bleiben: wenn er nämlich vor Ort nicht das Erhoffte finden würde, manches Vorurteil gar nicht aufwerfen müßte, weil er dann weiß, daß manches nicht verloren ging, weil es in der vorgestellten Art und Weise nämlich gar nicht existierte. Und es eröffnet sich ihm dergestalt die ungeheure Chance, auf Entdeckungstour zu gehen mit einer frisch genährten Neugierde auf all das, was da ist - unabhängig von dem, was bei uns als das, was da sein soll, kolportiert wird. Jenen, die Tibet bereits gesehen haben und zu kennen meinen, wird manch ein Licht mehr aufgehen beim Verständnis der Tibeter, schon gar bei der Betrachtung ihrer alltäglichen, eben durchaus menschlichen Probleme: Sie haben die Möglichkeit, ganz andere und neue Aspekte des Landes auf dem Dach der Welt kennen zu lernen.

Zuweilen vermögen einem die Schilderungen der genannten „Mythen-bil-dungsprozesse" den Atem zu verschlagen, selbst wenn man vermeinte, sich ausreichend darüber im Klaren zu sein. Wenn z.B. Alex McKay die britische Konstruktion eines Bildes von Tibet beschreibt, die auf eine Weise geschah, „wie es zu erwarten gewesen wäre, wenn die Tibeter eine moderne amerikanische Marketingagentur engagiert hätten" (S.71) und die sich mit Methoden der Reisekontrolle und Zensur fortsetzte: im alten Tibet und in Britisch-Indien - und so, wie man es heute vom chinesisch besetzten Tibet leider oft (aber nicht immer und überall) gewöhnt ist. Aber auch der tibetische Alltag wird anschaulicher - und ich meine auch sympathischer - wenn z.B. umrissen wird, auf welchem Wege der einfache Tibeter gegen buddhistische Prinzipien verstieß, ohne sich - nach eigener Auffassung - allzuviel Schuld aufzuladen; und beobachtet wird, wie Tibet wieder Aspekte eines weltlichen und nicht überirdischen Landes annimmt, mit großartigen Menschen, die ihre großen und kleinen Schwächen haben, die wiederum zur Faszination und Ausstrahlung beitragen, die sie besitzen.

Es ist die völlig andere Art der Auseinandersetzung, mit der überwiegend aus der Wissenschaft kommende Autoren in ihren 21 Artikeln das Tibetbild der Missionare und Gelehrten, der Politiker und Reisenden, der Chinesen und Europäer beleuchten, die aufzeigt, wie sehr Tibet immer nur mit anderen „Bril-len" gesehen und daher in Schwarzweiß-Malerei oder romantischer Verklärung beschrieben wurde. Vielleicht bietet gerade diese Auseinandersetzung mit all den extrem subjektiven Tibetbil-dern der verschiedensten Couleur die Möglichkeit, sich einen eher unvoreingenommenen Standpunkt zu verschaffen, von dem aus man Tibet und seine Menschen realistischer und weniger von irgendwelchen Mythen - außer ihren eigenen - her erleben kann. Erfreulich ist dabei auch, daß die Tibeter in den vorliegenden Darstellungen endlich einmal als selbständig Handelnde auftreten, als Akteure ihrer Geschichte, und nicht als Statisten wie in all den auf Tibets Heiligkeit abzielenden Büchern und Filmen, die zwar wohlmeinend sind, die Tibeter aber auf die Stufe von passiven, alles erleidenden Wesen reduzieren - gleich wehrlosen Kindern. Die Großartigkeit der tibetischen Kultur ergab sich aus der handlungsbereiten Vitalität, der schöpferischen Kraft und dem Charme ihrer Menschen. Und all dies haben sie sogar, wie mancher Autor zeigt, eingesetzt, um am Mythos über ihr Schneeland aktiv mitzuwirken. Und das tun sie bis heute.

Wahrscheinlich fragt sich jeder, der das Buch „Mythos Tibet" ausgelesen hat, wieso sich die mit Tibet verbundenen Wissenschaftler so viele Jahrzehnte Zeit gelassen haben, die falschen Wahrnehmungen und die Tibet-Phantasien zu hinterfragen, die Projektionen und die daraus resultierenden Sichtweisen dieses mythischen Tibet zurechtzurücken. Aber höchstwahrscheinlich liegt dies daran, daß derartige  Äußerungen in der Öffentlichkeit fast immer unweigerlich dazu führten, daß man der „chinesischen Seite" zugeschlagen wurde. Dies legen jedenfalls die ständigen Beteuerungen nahe, daß man mit den Richtigstellungen in keinster Weise gewisse Vorgänge gutheißen oder politische Ansprüche (gemeint sind natürlich die chinesischen) legitimieren möchte. Sie tauchen in so gut wie jedem Aufsatz einmal auf. Auch das ist aufschlußreich für die Befindlichkeiten des Themas und wie mit ihnen bislang umgegangen wurde. Vielleicht böte das später einmal Anlaß, nicht nur über Ursachen und Herkunft all der verzerrenden Wahrnehmungen und Projektionen nachzudenken, sondern auch über ihre Folgen. In gewisser Weise würde sich ein weiterer Beitragebenfalls gut in diesen Rahmen einfügen: über das „Tibetbild der Tibet-Initiativen", die sich das Feindbild der im Exil lebenden Tibeter - nämlich „die Chinesen", die das Negative Andere schlechthin repräsentieren - völlig zu eigen gemacht haben. Sicher, die Folgen der chinesischen Sicht der Dinge kennen wir hinlänglich (und, wenn wir ehrlich sind, kennen wir selbst sie mehr durch unsere Brille als wir zugeben); doch hat nicht auch der in Europa erstandene Mythos Tibet seine Folgen gezeitigt, von denen er sich nur sehr schwer lösen kann?

Mit gutem Gewissen läßt sich jedoch auf jeden Fall betonen, daß der DuMont-Band trotz seiner leider gehäuften Druckfehler zu den spannendsten und aufregendsten Büchern über Tibet und seine Wirkung, seine Menschen und deren Kultur gehört, das der Rezensent seit langem gelesen hat. Neben dem von Robert Barnett and Shirin Akiner herausgegebenen, leider nur auf englisch verfügbaren Band über das moderne Tibet („Resistance and Reform in Tibet", London 1994) wird „Mythos Tibet" von manchen, die ihr Tibet-Bild krampfhaft bewahren wollen, sicher nur ungern in die Hand genommen werden. Bei all jenen aber, die sich die Auseinandersetzung mit Tibet zur Freude oder gar Leidenschaft gemacht haben, gehört er nicht nur unbedingt ins Bücherregal, sondern immer wieder gelesen. Selbst die mehrmalige Lektüre kann einem nicht langweilig werden - zu spannend und vielfältig ist das, was einem hier geboten wird.

© Andreas Gruschke


 
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Vermächtnis der Götter

Der Mythos Tibet und seine Wirkung im Buch

Die geographischen Räume des Himalaya und des tibetischen Hochlandes, die zwar viele kulturelle Einflüsse gemein haben, in ihrer geschichtlichen Entwicklung jedoch nur periodisch engstens verknüpft waren, werden immer wieder als „Dach der Welt" bezeichnet und dienen dem „Mythos Tibet". Dessen Götterwelt zieht die Menschen im Westen ungebrochen in ihren Bann. Einige sehr unterschiedliche Publikationen beschäftigen sich mit diesem Raum und lösen ihren hohen Anspruch auf jeweils eigene Art und Weise. In „Vergessene Götter Tibets" setzen sich Peter van Ham und Aglaja Stirn mit der „Wie-der-entdeckung" buddhistischer Klosterkunst im West-Himalaya auseinander [Peter van Ham und Aglaja Stirn, Vergessene Götter Tibets, Stuttgart/Zürich: Belser Verlag 1997, 160 S., 187 Farbfotos und mehrere Karten und Pläne, DM 98,-] Es handelt sich um die erst in den letzten Jahren zugänglich gewordenen tibetischen Klöster in Spiti und Kinnaur, zwei äußerst abgelegene Bezirken im nordindischen Himachal Pradesh. In phantastischen Fotografien und mit einem vorzüglich recherchierten Text versetzen uns die Autoren in ein lange vergangenes westtibetisches Königreich, das vor einem knappen Jahrtausend im westlichen Himalaya zu erblühen begann. In einleitenden Kapiteln über geographische, soziokulturelle und geschichtliche Hintergründe der Region zusammen mit der Lebens- und Wirkungsgeschichte von Rinchen Zangpo, des bedeutendsten Gelehrten der Zeit, führt der Text hin zur Kunst des tantrischen Buddhismus und seinen faszinierenden Zeugnissen in den Klöstern Tabo, Dhankar, Lhalung, Nako und Pooh. Ein Vorwort von Madanjeet Singh, des Fachberaters des Leitenden UNESCO-Direktors, streicht die Besonderheiten der in den in Spiti und Kinnaur erhaltenden Malereien noch einmal gesondert heraus und ermöglicht allen an der Himalaya-Kunst interessierten einen ersten Zugang zum Thema. Sowohl die textliche Darstellung als auch die Präsentation im Bild sind geeignet, sowohl dem Laien als auch dem Spezialisten zu gefallen. Ein durch und durch sorgfältig und schön gestaltetes Buch, das kein Kenner in seinem Bücherregal wird missen können.


In ähnlicher Ausstattung widmet sich Hans Försts Buch „Tibet. Mythos und Wirklichkeit" einem viel weiter gefaßten innerasiatischen Raum [Hans Först, Tibet. Mythos und Wirklichkeit, Gnas: Weishaupt Verlag 1997, 192 S., 200 Farbfotos, DM 98,-]. Der Titel des Bandes suggeriert eine kritische Auseinandersetzung mit der Tibet-Rezeption im Westen und verspricht daher die Vermittlung zahlreicher neuer, sonst wenig diskutierter Aspekte in der „Tibet-Frage". Während noch das Vorwort eine differenzierte Haltung gegenüber dem Hochland, seinen Bewohnern und der jüngeren Geschichte ausdrückt, deutet allerdings schon das Inhaltsverzeichnis an, daß die Darstellung Tibets hier vor allem in geschichtlicher Perspektive - und damit in keineswegs gravierend neuer Form - geschieht. Wenngleich der Text insgesamt nur wenig dazu angetan ist, sich mit der Spannung zwischen Mythos und Realität Tibets kritisch ausein-anderzusetzen, bietet er doch eine gelungene Mischung aus landeskundlicher und historischer Information, die zudem durch eine ausgezeichnete Bildauswahl unterstrichen wird. Das Spektrum der tibetischen Landschaften und Klöster ist so weit gefächert, daß es allerdings völlig unverständlich bleibt, weshalb es dem Verlag oder Autor gefiel, ein Foto an drei (S.8, 144, 192) und ein weiteres gleich an vier verschiedenen Stellen des Buches abzudrucken (S.4/5, 11, 130/131 und 143). Die Bilder mögen mit ihren Gebetsfahnen sehr ansprechend, ja großartig sein - aber ist das Grund genug, es dem Leser in einem Buch gleich mehrmals sogar im selben Ausschnitt und teilweise in gleicher Größe zu präsentieren? Von der herrlichen Aufmachung her hat der Band dies eigentlich nicht nötig. Er ist überaus eindrucksvoll bebildert, so daß als Fazit bleibt: ein schönes und sachkundig geschriebenes Buch. Problematisch ist allerdings, daß Först in der Vermittlung seines Wissens etwas sprunghaft ist und der Text es daher oft an Stringenz fehlen läßt. Weniger mit der tibetischen Geschichte vertraute Leser vermögen vor allem die Kapitel um die Entstehung der Gelugpa-Herrschaft zu verwirren.


Licht ins Dunkel der Unterrichtsräume will Regina Behrendt mit einer Projektmappe für die Sekundarstufe bringen [Tibet - Menschen und Menschenrechte, Mülheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr 1997, kartonierte Mappe cm x  cm hoch, 92 Blatt, DM 36,-]. Auch wenn grundsätzlich die Ziele der Darstellung lobenswert (Erziehung zu Friedensliebe oder so) ist, so ändert sich doch nichts daran, daß sie sehr einseitig und damit tendenziös ist. Auf eine ernsthafte Einbeziehung chinesischer Darstellungen wurde völlig verzichtet, selbst auf zur Verfügung stehende kritische Berichte (Catriona Bass im Lit.verz.), die weitaus differenzierter sind als die Mappe, wurde inhaltlich wenig eingegangen. Daß in Tibet große regionale Unterschiede herrschen, kommt überhaupt nicht zur Sprache (Lhasa wird fälschlicherweise mit ganz Tibet gleichgesetzt), ebenfalls nicht die Entwicklung zum Besseren, wenn auch noch lange nicht Guten der letzten 15 Jahre. Ein Mythos wird perpetuiert, der selbst aus exiltibetischer Sicht kritisch beleuchtet wird (z.B. Jamyang Norbu). Hier wird exiltibetisches Propagandamaterial in die Schule getragen. Ein Arbeiten damit ist nicht grundsätzlich abzulehnen, aber auf jeden Fall sollten andere Materialien ergänzend hinzugezogen werden.


Schließlich hat Klemens Ludwig den Anspruch, den Mythos Tibet literarisch zu behandeln [Der Weg zum Potala. Ein Roman aus dem alten Tibet, Gießen: Focus Verlag 1997, kart., HC 14,7 cm x 20,6 cm hoch, 276 S., DM 35,-]. Ein Roman, der „das alte Tibet wieder lebendig werden läßt" - warum eigentlich nicht, gibt es doch zahlreiche Historienromane, die in unterhaltsamer Weise Kenntnisse über ferne und nahe Länder vermittelten, die auf andere Art kaum zu den Menschen gekommen wären. Ludwigs Anliegen ist wohl, dem Leser Tibet, die Verhältnisse dort und die Lebensweise seiner Bewohner näherzubringen. Sich dieser Aufgabe zu stellen, ist durchaus löblich - sucht er sich für seine Handlung doch eine Zeit heraus, in der das Schneeland im Umbruch war, in der soziale Mißstände sogar Tibeter selbst auf den Plan zu reformerischen Veränderungen riefen. Eine Zeit also, die dem Bild des bei uns gängigen „Mythos Tibet" widerspricht. Daß Ludwig dabei versucht, weiter Wissen über Tibet zu vermitteln, ist löblich. Allein, es mißraten ihm dadurch seine tibetischen Romanfiguren zu westlich denkenden Zentralasiaten, wenn sich die Protagonisten über Dinge wundern oder freuen, die ihnen als Bewohner des Schneelandes völlig alltäglich sein und oft sogar lästig erscheinen müßten. So bricht bei manchen Beschreibungen die Perspektive des europäischen Touristen durch. Auch hätte man von einem Kenner Tibets, der wie K. Ludwig die entsprechende Beck’sche Länderkunde „Tibet" verfaßt hat, weniger sachliche Fehler erwartet. Bleibt, den „Weg zum Potala" eben als Roman und damit als Fiktion zu nehmen - was angesichts der steten Präsenz Tibets in der politischen Diskussion schwerfallen muß. Als schöne Literatur wiederum wirkt der häufig uneinheitliche Stil holprig, die Charaktere nicht sonderlich lebendig, und auch die Geschichte schreitet nicht so recht voran. Will doch der Protagonist Lobsang Tsering mit einer „kleinen Gruppe entschlossener Männer und Frauen" die Macht der Klöster brechen und den Dalai Lama zu Reformen bewegen. Aber auf über 100 Seiten hat der bemühte Reformer in spe auf seiner Reise durchs Land Mißstände gesehen, unter denen die betroffenen Menschen scheinbar weder leiden, noch daß sie diese als Mißstände empfänden. Zu seiner Mitstreiterin, der Nonne Pema, ist er in „verbotener Liebe" (?) entbrannt. Holprig, steinig und dornig bleibt so Tibets Marschroute auf dem Weg zum Shangri La, das James Hilton schon 1933 in seinem Roman „Der verlorene Horizont" beschrieben hat - sehr viel utopischer, fiktiver und dennoch - als Fiktion - glaubwürdiger. Tibets jüngere Geschichte in einem Roman aufzurollen, ist hiernach als lobenswerter Ansatz anzusehen - der große Wurf ist „Der Weg zum Potala" allerdings noch lange nicht.

© Andreas Gruschke


 



 
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Brauen, Martin:

Traumwelt Tibet – Westliche Trugbilder"

Haupt-Verlag Bern 2000, 296 Seiten, 96 s/w und 167 farbige Abbildungen (ISBN: 3-258-05639-0) Fr. 68.-
Publikation zur Ausstellung Traumwelt Tibet – westliche und chinesische Trugbilder
(im Völkerkundemuseum Zürich, bis 4. Juni 2001)
Im Westen bildeten sich um Tibet und seine Bewohner über Jahrhunderte hin fantastische Legenden, die bis in die heutige Zeit nachwirken und durch neue Mythen weiter ausgeschmückt werden. 
Martin Brauen deckt diese utopischen Vorstellungen auf, und dabei treten überraschende Stereotypen zu Tage – zumeist positive, aber auch einige unvorteilhafte. Schriften von früheren Missionaren, europäischen Denkern, Theosophen, Esoterikern, Okkultisten und rechtsorientierten Autoren dienten als Quellen; Spielfilme, Comics, Romane, Werbung und Alltagsprodukte wurden daraufhin untersucht, inwiefern sie unsere westlichen Tibetbilder prägen und widerspiegeln. Das Resultat ist ein Kaleidoskop des absonderlichen Tibets, bei dessen Betrachten unweigerlich die Frage nach den Ursachen aufkommt. Hier werden mögliche Antworten darauf gegeben.



 
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