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Buchbesprechung:

Alice Grünfelder, Herausgeberin:

An den Lederriemen geknotete Seele

Erzähler aus Tibet

159 Seiten, Taschenbuch, Unionsverlag, Zürich (geb. Originalausgabe 1997), DM 16,90 [EUR 8,64], ISBN 3-293-20160-1
aus dem Chinesischen übertragen mit einer kurzen Einführung in die junge tibetische Literatur versehen von Alice Grünfelder und Beate Rusch
 
Schlagworte wie „Tibet - das Sterben einer Hochkultur" prägen das Bild des Schneelandes in unserer Medienlandschaft. Nicht nur wird dabei der Eindruck erweckt, seit dem chinesischen Einmarsch 1950/51 sei das kulturelle Leben, von dem bei uns im Westen in der Regel geglaubt wird, es habe sich ausschließlich auf die Religion beschränkt, völlig zum Erliegen gekommen; als sei die Kultur Tibets irreversibel verloren und eine Fortleben stünde daher völlig außer Frage. Mit dem vorliegenden Buch jedoch liegt einer der Beweise dafür vor, daß tibetische Kultur nicht nur lebt, sondern sich auch fortentwickelt.

Freilich ist es nicht das statische Tibet, das permanent in „religiöser Selbstgenügsamkeit" vor sich hin dämmernde buddhistische Land, als das es in esoterischen Kreisen für die Zeit vor dem chinesischen Einmarsch 1950/51 und als Utopie für ein wieder unabhängiges Tibet vorgestellt wird. Mit Recht moniert die Herausgeberin Alice Grünfelder, daß die literarische und künstlerische Entwicklung innerhalb des von China dominierten tibetischen Raumes voreilig als sinisiert und damit uninteressant abgehandelt wurde. Das zeigen die von ihr vorgelegten sieben Erzählungen von drei tibetischen Autoren mit aller Deutlichkeit. Wie die Mehrheit (ca. 98%) der Tibeter in ihrer Heimat geblieben, haben diese drei sich nichtsdestotrotz seit Beginn der achtziger Jahre mehr von westlichen Literaten wie Gabriel García Márquez oder William Faulkner als von der chinesisch-kommunistischen Ideologie beeinflussen lassen.

Provozierend und mit manchmal unkonventionellen Mitteln und Perspektiven werfen die drei zeitgenössischen tibetischen Autoren Tashi Dawa, Alai und Sebo einen unverstellten Blick auf ein bei uns wenig bekanntes Tibet, ein überraschendes, rätselvolles Panorama von Menschen und ihren Sehnsüchten, von Glaubenswelten und Naturgewalten, und alles begleitet von durch Tradition und Moderne unterschiedlich geprägten Deutungen. Da wird nicht nur, wie bei Tashi Dawa, die magische Vorstellungswelt - auf die ganz typische, unnachahmliche tibetische Weise - mit dem Alltag einer modernen Lebenswelt verknüpft, sondern eine Erzählmanier entwickelt, in der das Skurrile seinen ganz natürlichen Platz hat: wie in der Titelgeschichte (auf S.62ff.) und in „Einladung eines Zeitalters", als er die Zeit sowohl vorwärts als auch rückwärts laufen läßt.

Dies wirkt sich über die Protagonisten hinaus auch auf den Autor aus, der sich in seinem verblüffenden Spiel mit verschiedenen Zeitebenen einmal sogar unvermittelt mit seinen Helden, über deren Handeln er scheinbar die Kontrolle verliert, am Ort des Geschehens persönlich konfrontiert sieht. Gleich einem von innen heraus beobachtenden Reisenden wird der Leser zum Begleiter der Handelnden, z.B. des Hirtenmädchens Qiong, das seine Heimat wegen eines Mannes verläßt und auf seinen Abenteuern, die Tibetern mehr als uns alltäglich erscheinen, die Tage zählt, die sie von ihrem geliebten Zuhause (an der ihre Seele so sehr hängt) fort ist, indem sie Knoten in einen Lederriemen macht. Dieses für die von maximaler Mobilität beherrschte westliche Gesellschaft meist nicht mehr nachvollziehbare „Heimweh" wird dem Leser mit der eindringlichen Beschreibung einer manchmal erbarmungslosen Natur verständlicher gemacht, die zuweilen eine für uns ganz alltägliche Institution - wie die eines Briefträgers, dessen Schwierigkeiten in einem Schneesturm Alai sehr eindringlich schildert - als völlig widersinnig erscheinen läßt.

Und nicht nur durch die Ironisierungen und Verfremdungen, die Sebo in seinen Erzählungen sowohl dem, was seinen Landsleuten heilig ist, als auch ihrer Fortschrittsgläubigkeit widerfahren läßt, kommt in der „An den Lederriemen geknoteten Seele" der Humor und Witz der Erzähler aus Tibet zum Tragen. Da steht der Schabernack des alten tibetischen Schalks Agu Tompa zwischen den Zeilen, wenn ein junger Tibeter dem Hirtenmädchen Qiong vormacht, daß sein Taschenrechner ihm den Namen der jungen Frau verrät (S.47f.), und vertreibt die Bitternis in der Melancholie, die aufkommt, wenn die Spannung zwischen Tradition und Moderne es den Tibetern schwer macht zu erkennen, wo sie stehen und wer sie sind. In alter Zeit halfen ihnen bei der Beantwortung solcher Fragen die frühen Mythen, die Sagen und Legenden, die als Volksliteratur ausschließlich mündlich überliefert waren, während eine schriftliche weltliche Literatur neben den religiösen Schriften nicht aufkommen konnte. Das ändern nun diese zeitgenössischen Autoren, die in ihrer Erzählkunst auch die herrliche tibetische Fabulierfreude (wie auf S.55ff.) aufleben lassen. Wenn etwa Tashi Dawa diese ganz natürlich und umstandslos mit den Zeichen der modernen Welt verbindet (z.B. auf S.58f.) und dabei keineswegs die Diskrepanz erstehen läßt, die wir uns vorstellen, wenn die tibetische Klosterwelt von Satellitenschüsseln und der Nomadenalltag von Motorrädern heimgesucht wird, dann wirkt all dies erheblich glaubwürdiger als der häufig völlig mißverstandene esoterische „West-Buddhismus", der bei uns aus den Lehren der - durchaus ernstzunehmenden - großen tibetischen Religionslehrer gemacht worden ist.

Wer von denjenigen, die sich mit dem Schneeland beschäftigen, sein durch die Medien geprägtes und in hohem Maße von westlichen Projektionen beeinflußtes Bild Tibets (das mit der Wirklichkeit Tibets manchmal erschreckend wenig zu tun hat) nicht untergraben möchte, der nimmt dieses Buch besser nicht zur Hand. Wer aber den Wandlungen einer lebendigen Kultur gegenüber aufgeschlossen und neugierig ist und Spaß hat an einer guten Übersetzung reizvoll erzählter Kurzgeschichten, die inhaltsreich das Spannungfeld zwischen traditioneller Gesellschaft und dem Eindringen der Moderne in den ganz außergewöhnlichen Lebensraum des Dachs der Welt widerspiegeln, dem sei dieser Erzählband aufs wärmste empfohlen und „mit einem Lederriemen an die Seele geknotet".

© Andreas Gruschke


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