HOMEPAGE  ANDREAS  GRUSCHKE

Buchbesprechung:
 

Heiligt der Zweck wirklich die Mittel?

Eine propagandistische Inszenierung der «Tibetfrage»


Franz Alt, Klemens Ludwig, Helfried Weyer: Tibet. Schönheit, Zerstörung, Zukunft.  Umschau Buchverlag, Frankfurt 1998, 312 S. mit 60 Farb- und SW-Fotos sowie 1 Karte, DM 49,80

Ein Buch über „Schönheit, Zerstörung und Zu-kunft Tibets" verspricht der Untertitel eines unter dem Dreigestirn Franz Alt, Klemens Ludwig und Helfried Weyer angebotenen Buches. Acht vierseitige Farbbildblöcke vermitteln bereits den Grundtenor des Textes: Zerstörung einer einst heilen, wunderschönen Welt. Unbeschadet des Umstandes, daß sich auf dem Dach der Welt in den letzten Jahrzehnten wahrlich einige Tragödien abgespielt haben, erweist sich das Buch beim Lesen als Enttäuschung. In einem unscheinbar wirkenden Hinweis im Impressum des Buches bittet der Verlag „um Verständnis wegen der schlechten Qualität der Schwarz-weiß-Abbildungen", denn „unsere Autoren konnten diese Aufnahmen als Video oder mit der Kamera nur unter größter Geheimhaltung machen". Beim näheren Hinsehen stellt der Rezensent jedoch fest, daß es sich bei den meisten SW-Aufnahmen um gewöhnliche Alltagsbilder handelt, die schon Tausende von einfachen Touristen geschossen haben, während sich die wirklich schlechte Qualität im wesentlichen auf 5 oder 6 Fotos beschränkt, die den Anschein erwecken, sie wären von einem Bildschirm abfotografiert. [Auf eine entspre-chende Fax-Nachfrage beim Verlag war keine Antwort zu erhalten.]

Am irritierendsten erscheint jedoch, daß zwei der besagten Fotos im Bildnachweis (in dem die Seitenzahlen um je zwei Stellen verrutscht sind) unter den Namen B. und F. Alt aufgeführt sind, die Originale jedoch mit Sicherheit nicht von westlichen Autoren aufgenommen wurden. Die Fotos zeigen chinesische Soldaten mit vorgehaltener Waffe (S.22 und 76), die offensichtlich bewaffnete Tibeter, u.a. auch bewaffnete Mönche (wie paßt das ins verklärte Tibetbild des Westens, das im Buch mit der Lobpreisung des grundsätzlich friedliebenden Volkes, schon gar der Mönche, gestärkt wird?), abführen.

Doch kehren wir zurück zu den abgebildeten Soldaten. Während Impressum und Buchtext den Eindruck zu erwecken versuchen, es handele sich um in den letzten Jahren abgelichtete chinesische Soldaten, wird dem Kenner mit Blick auf die Art der Soldatenuniformen bald klar, daß es sich hier um Bilder aus den 50er oder spätestens aus den 60er Jahren handelt, die unmöglich von einem der Autoren selbst aufgenom-men worden sein können. Also sind es keineswegs authentische Zeugnisse der letzten Jahre. Nun möchte auch der Rezensent betonen, daß es gewiß genug Anlässe und um die Welt gehende Bilder gab, jeglich Erschütterung darüber zu stützen. Nichtsdestotrotz erscheint eine solche Manipulation von Eindrücken überaus fragwürdig, zumal der Text des Buches im ersten Drittel weniger ein Buch über die in Tibet erlebte Situation des Autors F. Alt ist, als vielmehr eine Zusammenfassung dessen, was auf der Grundlage der Informationen der Exilregierung immer wieder geschrieben, abgeschrieben und wiederholt wird, ohne einmal kritisch die Frage zu stellen, inwiefern tibetische Exilvertreter die Mittel der Propaganda nicht ebenso zu nutzen wissen wie die Chinesen (und andere) eben auch. Die Autoren machten sich nicht die geringste Mühe, ihre eigenen Besuche in Tibet mit Betrachtungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Völlig offensichtlich ohne Kenntnis entsprechender wissenschaftlicher Literatur (die es gerade in englischer Sprache inzwischen in recht umfangreicher Form auch zum modernen Tibet gibt) wurden kritiklos die Positionen der (radikalsten) Vertreter der tibetischen Exilregierung übernommen.

Bei der Beurteilung des Folgenreichtums dieser Propaganda sei hier stellvertretend auf die Äußerung des indischen Verteidigungsministers nach den jüngsten Atomtests im südlichen Nachbarland Tibets verwiesen: Es wisse ja schließlich jeder, daß China in Tibet zahlreiche Atomraketen stationiert und auf Indien gerichtet habe. Und dies, obschon das Fazit des Berichtes der International Campaign for Tibet („Nuclear Tibet"), den alle, die das Problem zur Sprache bringen, zitieren, bezüglich der Atomraketen relativ dünn ausfällt.

Die Kompetenz der Autoren muß der Rezensent, der sich inzwischen seit 14 Jahren mit Tibet beschäftigt und fast doppelt soviele Klöster, wie in dem Buch als existent (250 gemäß S.100) angegeben werden, selbst gesehen, den größten Teil davon auch besucht hat, jedenfalls stark anzweifeln. Er tut dies sogar im Bewußtsein, daß er dafür gewiß ebenso Kritik ernten wird, weil es ihm nicht möglich ist, auf die zahlreichen sachlichen, historischen und in der Art der Darstellung falschen oder zumindest verzerrenden Beschreibungen einzugehen. Dies würde die Publikation zumindest eines weiteren Büchleins erfordern.

Zwar wirken im mittleren Teil die in aller Regel sachkundigen und wirklich unmittelbar Tibet-bezogenen Ausführungen von Klemens Ludwig vergleichsweise erfrischend. Aber leider läßt er sich in das propagandistische Konzept des Buches einbeziehen, wenn er dann bei der geschichtlichen Darstellung die geschilderten Fakten und Situationen immer wieder ausschließlich für die Begründung des „Unabhängigkeits-Topos" heranzieht - so als ob der Leser entweder zu beschränkt dazu wäre, dies selbst zu tun oder aber man fürchten würde, daß er vielleicht zu einer hiervon abweichenden Ansicht gelangen könnte. Dennoch bleibt zu sagen, daß Ludwigs Ausführungen über Geschichte und Religion Tibets einen anschaulichen Überblick bieten, wenngleich deren Heranziehen zu einem solchen Kontext, wie das Buch ihn sich zum Anspruch gemacht hat, freilich eine sehr viel ausführlichere und differenziertere Betrachtung erfordern würde. Insgesamt wird nichts Neues und - im Vergleich zu anderen Tibet-Büchern - ja vielleicht sogar weniger Information geboten.

Das wird auch durch die Bilderläuterungen des Fotografen Helfried Weyer nicht besser, dessen romantisierende Vorstellungen allerdings den gängigen Modetrend unserer Gesellschaft treffen. Das macht seine wenig aufschlußreichen Texte jedoch nicht besser. Am unangenehmsten stößt seine kleine Schilderung der Strapazen der 1904 nach Tibet einmarschiernden Briten auf, die geradezu mitleidheischend ist. Daß dieselbe Truppe beispielsweise noch während der Verhandlungen zwischen ihren Offizieren und jenen der Tibeter die tibetische Streitkraft umzingelte und gnadenlos zusamenschoß - diese Zurückhaltung der Schilderung westlichen Verhaltens verwun-dert dann sehr in Anbetracht der Tatsache, daß die Details bei der Beschreibung chinesischer Greueltaten keine Grenzen zu kennen scheinen. Die Reiseinformationen sind sehr dürftig und mit Blick auf die ausgesprochene Empfehlung eines angeblich zur Vorbeugung gegen die Höhenkrankheit geeigneten Medikamentes (so etwas gibt es nicht), das in der Medizin überaus umstritten ist, sogar noch als fragwürdig zu betrachten.

So steht diese Rezension vor dem Problem, ein Buch - obschon es sich einer durchaus guten und wichtigen Sache widmet - wegen seines insgesamt dürftigen Inhaltes zu tadeln, ohne die Angelegenheit, für die es sich einsetzen will, schlecht machen zu wollen. Man muß sich aber fragen, ob ein derartiger Einsatz nach dem Motto „der Zweck heiligt die Mittel" die Lösung der Probleme wirklich vorwärtsbringt.

Dies ist im Kern kein Buch über Tibet, sondern über die Bekräftigung der bereits getroffenen Feststellung, daß (und weniger die Auseinandersetzung mit der Frage ob) Tibet immer ein unabhängiger Staat war und daß er deshalb wieder einer sein sollte. Auf die bitter nötige Frage, wie und - vor allem - mit welcher Berechtigung auf welchem Raum ein solches freies Tibet erstritten werden sollte, wird außer durch Verweis auf die zwar lobenswerten und schönen, politisch jedoch keineswegs realistischen Visionen des Dalai Lamas nicht eingegangen. Ob ein solches sich im wesentlichen auf nicht belegte Statements beschränkendes Buch, dessen Informationsgehalt deutlich geringer ist als beispielsweise die gehaltvolle Beck’sche Länderkunde des Ko-Autoren K. Ludwig und das in seiner Bildauswahl mit keinem der inzwischen zahlreichen schönen Farbbildbände mithalten kann, dann allein durch sein im mittleren Preisbereich zwischen diesen beiden Arten von Büchern liegenden Preis von knapp 50,- Mark zum Kauf anreizt, ist eine Frage, die sich die nicht an tieferen Hintergründen interessierten Leser selbst beantworten müssen. Für die anderen kommt es wohl kaum in Frage.

© Andreas Gruschke


 
Andreas Homepage

Andreas'  homepage
Index of all links to all pages of my homepage

 
 
Suchen nach:
 
In Partnerschaft mit Amazon.de

 
 

-DISCLAIMER-

Mit einem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, daß man durch die Anbringung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Für alle Links gilt: Ich möchte ausdrücklich betonen, daß ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe. Deshalb distanziere ich mich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage.