Der Blick fällt aus einem lichten, kühlen Pavillon auf stille Grünflächen, gepflegte Bäume und kleine Teiche.

Die berühmten chinesischen Gärten sind nicht nur ein besonderes Stück Kulturerbe, sie legen auch Zeugnis ab von den Sehnsüchten der Menschen

Von unserer Mitarbeiterin Astrid Zimmermann
 

Schwermütigt blickt Wang Xianzheng auf die knorrige Kiefer, die vor dem Fenster seines Büros steht und die ihm in all den Jahren seiner Arbeit so vertraut geworden war. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, und die Akten hat er an seinen Nachfolger übergeben. Doch der Abschied fällt ihm schwerer, als er erwartet hatte, und seine Gedanken schweifen zurück zu jenem Tag, als er aus der Provinz in die Hauptstadt gekommen war. Mit Auszeichnung hatte er alle Prüfungen bestanden und trat voller Idealismus seinen Beamtenposten im Zentrum des Verwaltungsapparates an.

Doch seine Hoffnungen wurden in ein enges Korsett aus Vorschriften gepresst und waren allzu bald nicht mehr zu erkennen. Sein Elan erstickte innerhalb der Beamtenhierarchie, in der falsch verstandene Loyalität und Korruption mehr Gewicht besaßen als die intellektuellen Werte, von denen er gelernt hatte, dass sie einen fähigen Beamten und damit eine gute Regierung ausmachen. Nach einiger Zeit traf er auf Gleichgesinnte, die mit ihm die Sorge teilten, dass die Herrschenden immer dekadenter und unfähiger wurden. Bei abendlichen Treffen wurde die Lage diskutiert. Kleine Eigenmächtigkeiten und Eingaben an die höchsten Dienststellen sollten die Verantwortlichen aufrütteln und zum Umdenken bewegen. Doch gegen Intrigen und Machtkämpfe hatten sie keine Chance. So kam es, wie es kommen musste: Er wurde vom Dienst suspendiert und der Hauptstadt verwiesen.

Es ist das Jahr 1522, als Wang Xianzhang Beijing verlässt und sich im Osten Chinas, in Suzhou eine neue Heimat schafft. Angewidert von den politischen Geschäften am Kaiserhof ist er der Überzeugung, dass nur ein törichter Mann ein Politiker wird und es sehr viel weiser sei, als ein bescheidener Gärtner zu leben. Er legte einen großen Garten an und nannte ihn "Den Garten des törichten Beamten". Schon immer sollte die Namen, welche die Chinesen ihren Gärten und Pavillons gaben, auch ihre Lebensphilosophie veranschaulichen. Und so wie für den enttäuschten kaiserlichen Beamten Wang waren die berühmten Gärten in Suzhou nahe der Millionenmetropole Shanghai für Intellektuelle, Dichter und Künstler Refugien des stilvollen Rückzuges aus der Gesellschaft und Orte künstlerischer und dichterischer Inspiration.

\x86 ber Jahrhunderte war es in der Oberschicht Chinas geradezu modern, vor den strengen Konventionen und der Umklammerung durch die Bürokratie zu fliehen. Die damals vorherrschende konfuzianische Sozialethik betont die Eingebundenheit des Menschen in die Gesellschaft und formuliert die Pflichten jedes Einzelnen sehr genau. Der Rückzug in die Gartenlandschaften stellte eine Art Gegenbewegung dar, in der die "Zivilisationsflüchtlinge" ihre Vision eines naturverbundenen Lebens verwirklichen wollten.

Nur durch das Einswerden mit der Natur und ihrem ewigen Rhythmus konnte Harmonie und Vollkommenheit des Geistes erlangt werden. "Die Gärten sind zur Nahrung des Herzens gemacht" sagen die Chinesen - und in diesem Satz drückt sich all die Hoffnung aus, die die Besitzer und ihre Gärtner in diese botanischen und architektonischen Kunstwerke legten. Gartenanlagen haben in China eine lange Tradition, die sich durch alle Bevölkerungsschichten zieht. Wer immer es sich leisten konnte, versuchte, in seinem Zuhause ein Stückchen Natur zu hegen und zu pflegen. So stoßen wir in China allerorten auf die verschiedensten Arten von geschaffener Natur, die von großzügigen kaiserlichen Landschaftsgärten bis hin zu kleinen Schalen reicht, in denen ein Bonsaibäumchen zusammen mit einem schön geformten Stein eine Miniaturlandschaft auf dem Schreibtisch des gebildeten Beamten und Künstler versinnbildlichen.

Schon vor Jahrhunderten versuchten die Kaiser, der Enge ihrer hauptstädtischen Paläste zu entkommen und ließen sich große Sommerresidenzen bauen. Diese ausgedehnten Parkanlagen waren wie überdimensionale Landschaftsbilder gestaltet und dienten dem Amüsement des Hofstaates und der angenehmen Erledigung der Regierungsgeschäfte. Sie sollten aber auch die Macht und den Reichtum des Herrscherhauses zur Schau stellen. Bekannt für ihre Gartenleidenschaft war vor allem die berühmte Kaiserinwitwe Cixi, die an der Schwelle von 19. zum 20. Jahrhundert den Sommerpalast bei Peking zweimal aufwändig renovieren ließ und dafür unter anderem die Gelder verwendete, die eigentlich für den Aufbau einer Marine bestimmt waren.

Was damals eine Fehlentscheidung war, ist heute für die erholungssuchenden Beijinger ein Glück und der idyllische "Garten der harmonischen Einheit" mit seinen schönen Grünanlagen und Holzgebäuden, ein beliebtes Ausflugsziel. Wer an einem warmen Sommertag hierher kommt, kann in kühlen Pavillons sitzen, durch luftige Korridore am Ufer des Kunming Sees sitzen und den zahlreichen Booten zuschauen. Während die kaiserlichen Parkanlagen neben den ästhetischen auch repräsentativen Zwecken genügen mussten, waren die Privatgärten intimer gestaltet und sehr viel symbolträchtiger. Für die gelehrte Beamtenschaft war nicht die Größe und der Prunk ausschlaggebend, sondern Gestaltung und hintergründige Symbolik.

Sie unterschieden zwei Arten von Gartentypen, die kleinen, "zur Beobachtung im Zustand der Ruhe" und die großen "für den Zustand der Bewegung". Der wichtigste Maßstab beim Anlegen und Beurteilen waren dabei die Gefühle, die eine wohl durchdachte Gartenlandschaft bei Betrachtern hervorrufen sollte. Ein vollkommener chinesischer Garten wurde niemals als eine Landschaftskopie, sondern als Abbild einer idealisierten Natur betrachtet. Unter Natur verstanden die Ästheten des klassischen China nicht das wilde Außen jenseits der Stadtgrenzen. Sie strebten vielmehr an, in ihren Gärten die Utopie einer perfekten Natürlichkeit zu realisieren und an dieser teilzuhaben.

Die Gärten Chinas wurden so immer mehr zu einem wichtigen Bestandteil der Lebensphilosophie der intellektuellen Oberschicht und sie sagen viel über deren Beziehung zur Welt, der Natur und dem Leben aus. Diese künstliche Natürlichkeit war für sie der Rahmen, in dem sie der Kunst, der Poesie und der Geselligkeit frönen konnten. Denn obwohl die Gartenbesitzer das Ideal der Naturverbundenheit und des einfachen Lebens pflegten, war damit nicht der Verzicht auf Luxus und Geselligkeit gemeint.

In den sorgsam angelegten Gärten wurde eine eigene Welt erschaffen. Oft wurde uns von unseren chinesischen Freunden empfohlen, dass wir, wenn wir eine Ahnung von der Stimmung und dem Wesen des alten Chinas bekommen wollten, unbedingt die berühmten Gärten in und um Shanghai, in Suzhou, Hangzhou und Wuxi besuchen müssen. Wir beginnen also in Shanghai und können uns kaum vorstellen, dass inmitten der pulsierenden Altstadt ein solcher Hort der Ruhe zu finden sein sollte. Doch alle Hektik verfliegt, nachdem wir ein schön verziertes Tores durchschritten haben. Wir sind schon früh am Morgen, bevor die großen Touristenströme in den "Garten des Erfreuens" einfallen, angekommen und werden durch eine zauberhafte Stimmung belohnt. Nach der wimmelnden Farbenpracht der Altstadt ist die klare und schlichte Gestaltung des Eingangshofes wie ein Aufatmen, und das kühle Innere des geschnitzten Holzgebäudes lädt zum Verweilen ein. Das Durchwandern eines Gartens, heißt es, soll wie das Öffnen und Schließen von verschiedenen Höfen und damit verschiedener Landschaften sein. Nur wer sich diesem Rhythmus in Ruhe hingibt, kann das Wesen des Gartens verstehen. Und so erwartet uns nach der schattigen Eleganz, der einstmals als Empfangsräume genutzten Eingangshallen, eine unerwartete Aussicht. Vor dem "Haus des Strömenden Regens" öffnet sich plötzlich der Blick auf einen kleinen, von bizarren Steinformationen umgebenen Teich. In den Gärten Chinas ist ein See oder Teich im Mittelpunkt unverzichtbar. Er ist der Spiegel des Himmels, in seinen Reflexionen finden sich die Bewohner des Gartens mit dem Firmament und all seinen Gestirnen zu einer Einheit verbunden. Nicht ohne Grund sagen die Chinesen "Ist das Innere des Weisen in Ruhe, dann ist es wie ein Spiegel des Himmels und der Erde".

Die chinesischen Gärten sind keine Schönwettergärten und sollen bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit ihre ganz eigenen Reize entfalten und ein Genuss für Augen, Ohren und Nase sein. "Wenn du vor den Regentropfen nicht davonläufst, wirst du finden, wie wunderschön sie sind" heißt es. Und so konnten sich auf der kleinen überdachten Veranda vor dem "Haus des Strömenden Regens" die Gartenliebhaber treffen, auf den Teich blicken und dem Geräusch der Regentropfen lauschen. Dem Regen wurde immer eine besondere Poesie zugeschrieben, viele Gärtner pflanzten großblättrige Pflanzen, auf denen die Musik der Tropfen erklingen konnte. Einen Garten anzulegen wurde oft mit dem Malen einer Landschaft verglichen. Gewundene Wege und Pfade, kleine Brücken, überdachte Korridore und luftige Gebäude führen den Besucher. Die Schönheit und Vielgestaltigkeit der Natur kann nicht auf einmal erfasst, sondern muss nach und nach erkundet werden. Nur eine intensive Naturbetrachtung ermöglicht dem aufmerksamen Beobachter, etwas über sich und die Welt um in herum zu erfahren und so den Geist in einen Zustand der Harmonie zu führen.

Auch in dem zwei Zugstunden von Shanghai entfernten Suzhou, das in China wegen seiner Schönheit als "Paradies auf Erden" bezeichnet wird, treffen wir auf beeindruckende Beispiele dieser Kunst. Ist der erwähnte "Garten des törichten Politikers" der größte unter den Gärten Suzhous, so ist der nicht weniger schöne "Garten des Meisters der Netze" der kleinste. Nur einen halben Hektar groß ist er, aber wir finden in ihm alles, was einen typischen Garten ausmacht.

Wer alte Bücher liest, findet Schilderungen des Alltagslebens in diesen Gärten. Da gab es besinnliche Stunden ebenso wie Theatervorstellungen und fröhliche Gelage. Je kleiner der Raum ist, in dem ein Garten angelegt werden muss, desto größer ist die Kunst der Andeutung. Und so ist der "Garten des Meisters der Netze" ein Garten, der, detailreich gestaltet, nicht nur "ergangen", sondern such "ersessen" und "erschaut" werden muss. Kleine Innenhöfe wechseln sich ab mit schön eingerichteten, lichten Räumen. Wieder befindet sich im Zentrum ein kleiner See, dessen Begrenzung nicht immer zu sehen ist, was eine Illusion von Größe entstehen lässt. Niemals fallen die Ufer sanft ab, sie werden immer als schroffe Gesteinsformationen gestaltet.

Steine und Wasser sind Hauptelemente in der Gartengestaltung. Steine symbolisieren Berge und Gebirge, die als das Skelett der Welt verstanden werden. Sie stehen für "yang", das männliche Prinzip für Erhabenheit und Dauer und damit für das lange Leben. Das Wasser hingegen ist "yin" das weibliche Prinzip, das Weiche, Anpassungsfähige. Beide Prinzipien dürfen jedoch nicht getrennt von einander betrachtet werden, denn nur wenn sie zusammengebracht sind, sind sie vollständig.

Immer wieder wurden Poeten von all dieser Schönheit inspiriert. Sie besangen nicht nur herrliche Gärten, sondern auch außergewöhnliche Landschaften, an denen China so reich ist. In diesen natürlichen Landschaftsparks ist die Natur die Grundlage, die von den Menschen durch künstlich geschaffenen Schmuck ergänzt und ästhetisiert wurde.
 

© Mannheimer Morgen      12.09.2001